Bausteine für ein Kinderprogramm (9)

Ulrich Rausch

Kinder auf der Bühne Zwei

In Fortsetzung zu dem vorigen Teil möchte ich jetzt kurz das Thema „Respekt“ behandeln. Allerdings nicht theoretisch, da dies ja auch schon sowohl hier wie auch in der Fachliteratur vorkommt. Vielmehr möchte ich an einigen wenigen ausgewählten Beispielen zeigen, wie für mich ein respektvoller Umgang aussehen würde. Diese fünf Beispiele sind nicht abschließend und umfassend, aber sie sollen deutlich machen, in welche Richtung ich denke.

Auf die Bühne holen

Ein Kind auf die Bühne einzuladen ist meist ein sensibler Moment. Entweder findet sich kein Kind bereit oder alle Kinder wollen. Meine Ideen um damit umzugehen: Ich hatte mal die Situation, dass ein kleines Kind einerseits mitzaubern wollte, andererseits nicht auf die Bühne wollte, weil es damit die schützende Nähe der Mutter hätte verlassen müssen.

Spontan habe ich mich auf die Bühnenkante gesetzt, Mutter mit Kind kamen zu mir und ich habe dann so kurz mit dem Kind gezaubert. Seitdem habe ich als Konzept, wenn kein Kind auf die Bühne kommt, dann komme ich zu den Kindern. Natürlich kann ich da nicht alle Routinen zeigen und es gibt Sichtbeschränkungen für die übrigen Zuseher*innen. Ein ganzes Programm so zu spielen geht nicht, aber ich vermeide damit ein Kind mit irgendwelchen Tricks zu zwingen, auf die Bühne zu kommen,  ich stelle kein Kind bloß, nur weil es auf einmal den Mut verloren hat nach vorne zu kommen und – das ist mir besonders wichtig – ich gewinne Vertrauen, so dass es danach meist nicht mehr schwer ist, jemand zu finden. 

Den umgekehrten Fall, wenn alle Kinder wollen, nach vorne stürmen, die Bühne belagern um mitzaubern zu können, finde ich nicht nur gefährlich, sondern auch vermeidbar.  Zu einem respektvollen Umgang es gehört auch solch gefährliches Chaos zu vermeiden. Deshalb erkläre ich lange bevor das erste Kind  auf die Bühne darf, wie die Auswahl stattfindet: Man darf sich melden (nicht rufen, nicht vorlaufen etc) und der Zauberer bestimmt dann, wer kommen darf. Bei der Auswahl achte ich natürlich darauf, dass die Auswahl fair und gleichmäßig stattfindet, was  Alter, Geschlecht, Nationalität betrifft. Ausnahme: Das Geburtstagskind darf immer – wenn es mag – mit zaubern.

Jeder ist ein Individuum

Jedes Kind ist ein Individuum. Auch wenn ich im Laufe meines Zaubererlebens mit tausenden Kindern schon gezaubert habe und weiter hunderte sicher noch dazukommen. Dementsprechend behandele ich sie: Ich frage sie nach ihrem Namen, nenne, während sie auf der Bühne sind, mehrmals den Namen (und wenn ich es kognitiv hinbekomme bedanke ich mich am Ende der Show noch einmal namentlich bei allen mitwirkenden Kindern!) und beachte ihre individuellen Bedürfnisse auf der Bühne.

Zuwenden

Daraus ergibt sich, dass ich mich den Kindern auf der Bühne zuwende, mit ihnen eine ehrliche 5-Minuten Beziehung aufbaue. Sie sind weder reine Staffage noch Teil der Bühnendekoration

Freiwilligkeit

Kein Kind wird zu irgendetwas gezwungen oder genötigt. Auch nicht im Spaß, auch nicht um eines Gags oder eines tollen Effektes willen. Ich akzeptiere die Selbstbestimmung auch von Kindern und versuche nicht sie zu brechen. Man muss sich immer bewusst sein, dass man als Zauberer eine Autoritätsperson ist, die Bühnensituation für das Kind ungewohnt und teilweise auch angstbesetzt ist und es sich vor den Freunden und der Familie nicht blamieren will. Es wäre also gar nicht so schwer es Dinge tun zu lassen, die es eigentlich nicht will. Und bezüglich körperlicher Gewalt erinnere ich hier noch einmal ausdrücklich an meine Gedanken, die ich hier schon veröffentlicht habe. https://www.derzauberzwerg.de/nochmal-zum-froschkoenig/

Verabschiedung

Ist ein Kind fertig, wird es nicht einfach weggeschickt, sondern es wird ordentlich verabschiedet: Zuschauer und Künstler (sic!) applaudieren dem Kind, es wird mit Namen angesprochen und bedankt und dann bis zum Bühnenrand begleitet. Wenn es einen Treppe gibt, wenn Scheinwerfer blenden, dann wird es auch bis nach unten begleitet.

Klar, dies alles kostet etwas Zeit, aber abgesehen davon, dass das respektvoll ist, macht es eigentlich auch keine Sinn, schon weiter zu machen, während ein Kind noch auf der Bühne oder auf dem Weg zu seinem Platz ist. Ein Teil der Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen wird es immer auf sich ziehen – und welcher Zauberkünstler teilt schon gerne die Aufmerksamkeit mit jemand anderem?

Fortsetzung folgt

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