
Heute fand zum ersten Mal der „Veteranentag“ statt, den die Ampel-Regierung 2024 ins Leben gehoben hatte. Mit ihm sollen nun jährlich Mitte Juni die Leistungen aktiver und ehemaliger Soldatinnen und Soldaten für die Gesellschaft gewürdigt und ihnen dafür gedankt und ihnen dafür Respekt dafür gezollt werden.
Gründlich, wie wir Deutschen sind, hat unsere frühere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen 2018 definiert, was überhaupt ein Veteran ist: „Veteranin oder Veteran der Bundeswehr ist, wer als Soldatin oder Soldat der Bundeswehr im aktiven Dienst steht oder aus diesem Dienstverhältnis ehrenhaft ausgeschieden ist, also den Dienstgrad nicht verloren hat.“ (zitiert in wikipedia Nationaler Veteranentag – Wikipedia)
Nach dieser Definition bin ich also auch Veteran – ich habe vom 01.07.1972 – 30.06.1974 in der Bundeswehr gedient und bin nach Ablauf dieser Frist als Obergefreiter ehrenhaft entlassen worden. Bin also bis heute „Obergefreiter der Reserve“. Ich danke dem deutschen Volk an dieser Stelle, dass es sich an mich erinnert und meinen Einsatz für unsere deutsche Demokratie honoriert. Wir haben damals erfolgreich verhindert, dass die Sowjetunion bzw. der Warschauer Pakt uns angreift – was die wohl aber auch gar nicht vorhatten.
Ich bin allerdings der Meinung, dass ich damals auch ausreichend gut für meinen Dienst bezahlt wurde. Wie die amerikanisch Mentalität so schön ausdrückt: Ich habe einfach meinen Job gemacht. Nach meinem selbstverständlichen Motto: Wenn ich gut bezahlt werde, arbeite ich auch gut. Es ist also kein weiterer Dank nötig, meine Damen und Herren Politiker. Wir sind quitt.
Unsinniger Gedenktag
Und so halte ich einen „Veteranentag“ für völlig unsinnig. Ich glaube, er hat das Ziel, unsere Bundeswehr bekannter zu machen und Verständnis dafür zu wecken, dass wir unsere Verteidigungskosten erhöhen, um noch mehr Waffen kaufen zu können, die angeblich unseren Frieden sichern. Mir wären geringere Ausgaben und mehr gegenseitiger Respekt und mehr Gespräche unter den Nationen lieber mit dem Ziel Eskalationen frühzeitig zu verhindern. In Zeiten von autokratischen Staats- oder Ministerpräsidenten wie Trump, Putin, Orban, Netanjahu und anderen ist das zwar schwer. Aber immerhin deutlich besser, als zu versuchen einen Streit mit Waffengewalt zu lösen.
Und auch das Gedenken an die deutschen Soldaten, die im Einsatz getötet oder traumatisiert wurden, ist für mich zweifelhaft. Der Großteil von ihnen, die zum Beispiel in Krisengebiete wie Afghanistan entsandt wurden, waren Freiwillige, die bewusst ihren Beruf mit all seinen Risiken ausgewählt hatten. Und sich darüber gefreut haben, dass die Einsätze finanziell recht lukrativ waren, da über das normale Gehalt dann Zulagen fällig waren.
Selbstverständlich muss trotzdem für ihre Familien gesorgt und es müssen ihre Traumata behandelt werden, die sie erlitten haben – aber das geschieht ja auch im Rahmen der Fürsorgepflicht des Dienstherrn.
Ich bedanke mich also für den Veteranentag und halte ihn für so überflüssig wie einen Kropf. Er hat für mich das Geschmäckle, dass damit versucht werden soll, die Bundeswehr, Krieg und Waffengewalt schön zu reden und gesellschaftsfähig zu machen. Die Bundeswehr als Freiwilligenarmee halte ich für richtig und notwendig, um unseren deutschen Staat zu schützen – aber alles darüber hinaus geht aus meiner Sicht in Richtung Aufrüstung und Legitimierung von Gewalt. Das lehne ich ab.
Meine Bundeswehrzeit
Vorsicht: Es folgt ein längerer Text über meine Bundeswehr-Zeit!!!
Da ich nun aber ein Veteran bin und dazu stehe, was ich früher getan habe, möchte ich hier schildern, wie intensiv ich meinen Bundeswehrdienst abgeleistet habe und dafür jedes Lob und jede Anerkennung verdiene.
Ich zitiere dazu einfach die entsprechenden Seiten aus meinen Biografie „Glückskind„, von dem noch ein paar Exemplare zu haben sind. Viel Spaß!
1972
Vorher stand aber noch die Entscheidung an: Zur Bundeswehr gehen oder den Dienst mit der Waffe verweigern und Ersatzdienst leisten? Die freie Auswahl Bundeswehr, Zivildienst oder nichts von beiden, die heute gilt, gab es damals nicht. 18 Monate Grundwehrdienst war Pflicht. Aus Gewissensgründen konnte man die Befreiung vom Wehrdienst beantragen und musste das vor einer Kommission begründen. Gab die dem Antrag statt musste man 18 Monate Zivildienst leisten.
Antrag stellen, mündliche Verhandlung, begründen? Das war mir echt zu viel Stress damals. Also beschloss ich einfach zur Bundeswehr zu gehen. Ich müsste am 01.07.1972 beginnen, die 18 Monate wären dann am 31.12.1973 zu Ende. Studienbeginn wäre dann aber erst im Oktober 1974 möglich – immer zum Wintersemester. So viel tote Zeit wollte ich nicht haben, da hätte ich arbeiten gehen müssen um Geld für mein Leben zu haben.
Ich entschied mich unter diesen Umständen, wie mein Bruder Detlef 2 Jahre vorher, freiwillig für zwei Jahre zur Bundeswehr zu gehen. Das hatte den Vorteil, dass ich während der Dienstzeit statt 200 DM Sold als Wehrpflichtiger monatlich 1200 DM als Soldat auf Zeit erhalten würde und am Ende der Dienstzeit noch einmal eine Abfindung in Höhe von 3 Monatsgehältern. Damit hätte ich finanziell für die nächsten zwei Jahre ausgesorgt und könnte dann nach 3 Monaten Pause mein Studium aufnehmen.
Diesen Plan fand ich sehr gut und ich bewarb mich als Zeitsoldat. Ich wurde auch prompt zu einem Einstellungstest nach Hannover eingeladen. Den habe ich bestanden und wurde zum 01.07.1972 als Soldat auf Zeit zum Grundwehrdienst nach Hamburg-Wandsbek eingezogen. Das war beruflich gut, für meine sportliche Karriere aber ein kleiner Einbruch. Ich konnte so natürlich keine Jugendmannschaft trainieren, weil ich unter der Woche ortsabwesend war, aber immerhin konnte ich meine Karriere als Spieler fortsetzen, weil ich im Normalfall an den Wochenenden zu Hause war. Das gelang auch gut. Ich war in dieser Saison 1972/73 Stammspieler der 1. Herren im BSC Grünhöfe. Wir überstanden die Saison nach einem Fehlstart und einem Trainerwechsel zur Halbserie, ohne aus der Verbandsliga abzusteigen.
Doch zurück zur Bundeswehr. Ich war ohne besondere Illusionen dorthin gegangen, ich war also keinesfalls aus Überzeugung Soldat. Ich war 1972 verpflichtet, zum Wehrdienst oder Ersatzdienst zu gehen und habe mich schlicht für die Variante entschieden, die finanziell für mich am günstigsten war vor Aufnahme meines Studiums.
Und so pragmatisch wie diese Entscheidung war auch mein Engagement in der Praxis: Ich tat genau so viel wie nötig war, um nicht negativ aufzufallen und war für jeden Tag dankbar, an dem ich nichts weiter zu tun hatte als anwesend zu sein. Was bei der Bundeswehr relativ häufig der Fall war zu der Zeit. Das Marschieren, antreten, irgendetwas im Freien tun machte mir nichts aus: Ich war körperlich fit, geistige Anforderungen wurden nicht weiter verlangt – ich ließ mich also einfach treiben und machte ohne weiter darüber nachzudenken einfach mit, was gerade befohlen war. Jedenfalls solange sich irgendjemand die Mühe machte, dass zu beaufsichtigen. Sonst eben nicht.
Die ersten Wochen der Grundausbildung waren insofern recht entspannt. Zudem mussten wir aus „staatspolitischen“ Gründen dann ab Ende August regelmäßig dienstlich die Übertragungen im Fernsehen der Olympischen Sommerspiele in München ansehen. Das gefiel uns jungen Soldaten natürlich deutlich besser als im Gelände „Krieg zu spielen“. Leider wurde dieses Entspannung dann durch das Attentat auf die israelischen Sportler*innen in München jäh beendet. Es hat uns zwar nicht direkt betroffen, aber ich war davon dennoch sehr geschockt und habe bis heute keinerlei Verständnis dafür, wenn politische Ziele mit Gewalt gegen unbeteiligt Zivilisten ausgetragen werden.
Nach meiner Überzeugung sollten sich die politischen Entscheider bei Meinungsverschiedenheiten lieber in einen Boxring stellen und sich die Nasen blutig schlagen. Aber die weitgehend unbeteiligte zivile Masse sollten sie aus diesen Streitigkeiten heraushalten. Was damals für einen aktiven Soldaten natürlich auch eine grenzwertige Einstellung war. Aber aus meiner Sicht diente damals wie heute die Bundeswehr oder jede Armee ausschließlich zur Verteidigung im Angriffsfall. Und nicht dazu, in andere Länder einzufallen und sie zu erobern.
Ich hatte ein Jahr später, während meiner Dienstzeit als Obergefreiter in Schiffdorf, zu diesem Thema auch eine längere Diskussion mit meinem damaligen Bataillonskommandeur, einem Oberst, eine längere Diskussion. Ich wollte ihn überzeugen, dass man für die Verteidigung unseres Landes keine Wehrpflicht benötigte, sondern es ausreichen würde, wenn man eine Berufsarmee aus Freiwilligen hätte. Im Ernstfall könnte man dann ja immer noch weitere Menschen einberufen. Leider zeigt er sich meinen Argumenten gegenüber nicht einsichtig, auch wenn dann Jahre später genau das doch in Deutschland eingeführt wurde. Immerhin fand ich es sehr positiv von ihm, dass er sich als hoher Offizier so intensiv mit mir einfachen Soldaten stritt.
Der Grundausbildung endete nach 3 Monaten. Ich war jetzt mit den Grundzügen der Waffenführung und einer speziellen Ausbildung an der „ZwiSoLa“ für den Ernstfall vorbereitet. ZwiSoLa? Bei der Bundeswehr wird alles abgekürzt. Ausgesprochen handelt es sich dabei um die „Zwillings-Sockel-Lafette“, eine bewegliche Kanone mit zwei Läufen, die im Ernstfall benutzt wird, um feindliche Flugzeuge abzuschießen. Ob das funktioniert oder nicht musste ich glücklicherweise mein Leben lang nicht ausprobieren. Theoretisch ging es jedenfalls.
Ich wurde nach der Grundausbildung nach Oldenburg versetzt, wo ich von Oktober 1972 – März 1973 stationiert war. Und quasi während des gesamten halben Jahres einen echten „Schnarchposten“ hatte, also so gut wie nichts zu tun. Ich war als kleines Licht in der Stabsleitung eines Regiments, wo alles organisiert wird, was den soldatischen Ablauf betrifft. Konkret war ich in der Abteilung „Info“, also Information. Dabei hatte ich drei wichtige Aufgaben: Zum einen musste ich dafür sorgen, dass die Soldatenzeitung an die einzelnen Einheiten versendet wird. Dort mussten die dann verkauft werden, ich war dafür zuständig, dass das Geld und die Resthefte zurückgesendet wurden. Meistens nur die Hefte, denn gekauft wurde die Zeitung so gut wie nicht.
Mein zweiter wichtiger Job war, für die Soldaten in der Donnerschwee-Kaserne den Schaukasten vor der Kantine mit aktuellen Informationen zu bestücken. Also Freizeittipps in Oldenburg, Informationen jeder Art oder was auch immer ich mir vorstellte, was jemanden interessieren könnte. Ich habe also so etwa alle 2 Wochen etwas Neues in den Kasten gehängt und mein Job war erfüllt. Ansonsten saß ich in dem Büro zusammen mit einem Oberfeldwebel, dessen Aufgabe es war für Soldaten Wohnungen in Oldenburg zu vermitteln. Teilweise Bundeswehreigene, aber auch öffentliche.
Und schließlich musste ich im November die öffentliche Sammlung für die Kriegsgräberfürsorge organisieren. Sprich: Freiwillige finden, die bereit waren, sich mit einer Sammeldose einige Tage irgendwo in Oldenburg hinzustellen und für den Verein Kriegsgräberfürsorge Geld zu erbitten. Es fanden sich immer einige und auch ich selbst stellte mich einige Tage in die Oldenburger Innenstadt zum sammeln. Bei unserem langweiligen Dienstalltag war eben jede Abwechslung hilfreich.
Ich war also, wie man sieht, für den Frieden in Deutschland im Jahre 1972/73 sehr bedeutend.
Ich habe aber auch in der Zeit für mein weiteres Leben wichtige Dinge gelernt. Zum Beispiel ehrlich zu sagen, was mir nicht gefällt. Prägend dafür ein Erlebnis in der Kleiderkammer. Ich hatte bei der Einkleidung eine Ausgeh-Uniform-Hose erhalten, die Ähnlichkeit mit einer Pferdedecke hatte: Dicker, grober Stoff, relativ alt, potthässlich. Die hatte ich schon aus Hamburg mitgebracht – dort hing sie meistens im Schrank, weil dort überwiegend der Kampfanzug getragen wurde. Mir war die Hose also egal.
Jetzt in Oldenburg hingegen trug ich im Innendienst die Ausgeh-Uniform, also die Pferdedecke. Das missfiel mir. Also meldete ich mich zur nächsten Tour in die Kleiderkammer an, um zu versuchen, ein modernes Teil zu erhalten. Meistens wurde das für Mannschaftsdienstgrade (also Flieger, Gefreite, Obergefreite), wie ich einer war, abgelehnt, weil die nicht lange im Dienst blieben. Mode war egal.
Nun stand ich also mit meiner Pferdedecken-Hose am Ausgabeschalter und bat darum, eine andere Hose zu erhalten. Barsche Frage zurück: „Warum?“ Ich gab ehrlich Antwort: „Weil die hässlich ist. Und ich muss manchmal in die Stadt nach Oldenburg, dann sieht das doof aus.“ Eine kurze Sekunde Pause, dann lächelte der Kleiderkammer-Bulle mich an und sagte: „Gefällt mir, dass du so ehrlich bist. Die anderen sagen immer: Passt nicht, auch wenn es nicht stimmt. Dafür such ich dir jetzt eine richtig gute Hose aus!“ Und das tat er dann auch. Er brachte mir eine funkelnagelneue dünne Hose mit aktuellem modischem Schnitt, die ich dann auch immer gerne getragen habe.
Hängen geblieben aus dieser eigentlich unwichtigen Episode ist für mein ganzes Leben: Wenn etwas nicht in Ordnung ist, klipp und klar und ehrlich sagen, was nicht stimmt. Ohne dabei die Personen verantwortlich zu machen, die nichts dafürkönnen. Mit dieser Einstellung habe ich später in vielen Bereichen Dinge ändern können und oft festgestellt, dass betroffene Personen dafür sogar dankbar waren, dass Missstände angesprochen wurden.
Mein Job in Oldenburg war mir insgesamt sehr egal. Ich habe aber trotzdem einen Antrag gestellt, in die Laufbahn zum Reserve-Offizier übernommen zu werden, was damals für Abiturienten innerhalb der 2 Jahre Verpflichtungszeit möglich war. Nicht aus Überzeugung, sondern aus finanziellen Motiven. Ein Leutnant wird nach Beamten-Gehaltsstufe A9 bezahlt, ein Gefreiter nach A2 – also 7 Gehaltsstufen Unterschied, die ich gerne genommen hätte.
Der Haken war: In einem persönlichen Gespräch mit einem Auswahlgremium wurde überprüft, ob man für die Offizierslaufbahn geeignet war. Die Fragen für dieses Gespräch konnte man im Handbuch für Soldaten nachlesen, was ich natürlich auch tat und mir dazu die Antworten ausdachte, die ich für zweckmäßig hielt. Egal, ob sie der Wahrheit entsprachen oder nicht.
Das Gespräch war dann auch sehr nett und ich habe pflichtgemäß alle Fragen beantwortet, wie ich wollte. Leider letztlich ohne Erfolg, denn ich wurde nicht zum OA (= Offiziers-Anwärter) ernannt. Mit der entscheidenden Begründung: „Wir haben herausgehört, dass Sie sich nicht aus Überzeugung bewerben, sondern aus finanziellen Gründen.“ Womit die Kommission absolut Recht hatte und ich mich nur darüber ärgerte, dass ich mich scheinbar für die falschen Antworten entschieden hatte.
Da meine Offizierslaufbahn zu Ende war, bevor sie überhaupt begonnen hatte, stellte ich einen Versetzungsantrag von meinem Schlafposten in Oldenburg zu einer Einheit in Schiffdorf an der Stadtgrenze von Bremerhaven. Ich wollte näher an meinem Sportverein sein und regelmäßig zum Training der 1. Herren gehen. Ich habe also meinen Antrag damit begründet, dass ich Leistungssport betreibe und die Möglichkeit haben möchte, dafür regelmäßig zu trainieren.
Einige Tage später wurde ich zu meinem direkten Vorgesetzten, einem Oberst, zitiert, der mich auf den Antrag ansprach. Ich sagte ihm, dass mir der Job in Oldenburg auch gefiele, aber eben die sportliche Dimension für mich wichtig ist. Er hörte sich das alles an und sagte dann: „Was sie da vorbringen, ist alles Quatsch und das ist auch kein Leistungssport, was Sie machen. Aber wenn Sie unbedingt da hinwollen, versetze ich Sie nach Schiffdorf.“
Ich widersprach ihm natürlich nicht, sondern bedankte mich und wurde zum 01.04.1973 zur 4./FlaRakBat 36 nach Schiffdorf versetzt. Für Nicht-Gediente: 4. Batterie (= Kompanie) des FlugabwehrRaketen Bataillons 36. Das Bataillons-Kommando war in Bremervörde beheimatet, die Kampfstellungen mit den HAWK-Raketen waren in der näheren Umgebung verstreut, um damit Angriffe von feindlichen Flugzeugen abzuwehren. Wohlgemerkt – alles zu Zeiten des Kalten Krieges in Deutschland, wo niemand einen Angriff der Sowjetunion auf Deutschland oder Westeuropa ausschloss.
Ich habe aber zum Glück mein Leben lang keinen Krieg in meiner Nähe miterlebt, keine feindlichen Flugzeuge gesehen und bin auch nicht in nähere Berührung mit den HAWK-Raketen gekommen.
Ich meldete mich im April 1973 in der Schreibstube der Einheit in Schiffdorf und wurde zum Kompanie-Feldwebel, „Spieß“ genannt, gebracht. Der hörte sich meine Meldung an und sagte dann lapidar: „Davon weiß ich nichts.“ Das fing schon mal gut an und wurde später noch viel lustiger.
Auch der Kompanie-Chef wusste nichts von meiner Versetzung, aber beide meinten, das würde sich schon klären und sie könnten auch sehr gut einen weiteren Soldaten in der Schreibstube gebrauchen. Ich hatte in Oldenburg eine Ausbildung für Bundeswehr-Bürodienst erhalten, war also für die Kampfeinheit in Schiffdorf sowieso nicht zu gebrauchen, aber für den Innendienst im Büro. Dorthin wurde ich geführt und dem dort zuständigen Feldwebel übergeben, der mich in meine zukünftige Arbeit einwies. Und mir beiläufig mitteilte, dass wir in der Schreibstube keinen Stress brauchen. Es muss nur alles laufen, dann können wir machen, was wir wollen und er ist sowieso in kurzer Zeit weg. Dienstzeit beendet. Diese Arbeits-Grundhaltung gefiel mir auf Anhieb schon mal sehr gut.
Mein konkreter Aufgabenbereich war dann, die Kompanielisten, Urlaubslisten und die Termine der Soldaten für mögliche Beförderungen zu führen. Insgesamt überschaubar und ohne Aufwand zu schaffen. Den größten Teil unserer Dienstzeit verbrachten wir damit über dies und das und jenes zu plaudern und Apfelkuchen mit Sahne zu essen. Die eigentliche Arbeit der Batterie fand in der Raketenstellung in Bramel 5 km entfernt statt, dort hielt sich auch meistens der Kompaniechef auf. In den Büro-Räumen hatte der „Spieß“ das Sagen, was er auch weidlich und aus meiner Sicht sehr unpassend ausnutzte.
Er war aus meiner Sicht und der anderer Mannschafts-Dienstgrade noch einer von der alten Garde. So wie man sich damals die Kommiss-Köpfe aus dem 2. Weltkrieg vorstellte und wie sie in der „08/15“ – Trilogie von Hans-Hellmut Kirst beschrieben wurden: Rechthaberisch, egoistisch, ihre Macht ausnutzend, ungerecht, Druck nach unten gebend, nach oben buckelnd. In jener 1970er Zeit eben einer von denen, gegen die die 68er-Revolten kämpften und die sie aus den wichtigen Positionen weg haben wollten zu Gunsten demokratischer Führungskräfte.
Ich war nach kurzer Zeit in Schiffdorf zu einem von 2 Vertrauensmännern der Mannschaftsdienstgrade (also Flieger – Hauptgefreite) gewählt worden. Im Wesentlichen, weil es niemand anders werden wollte und ich mit allen Leuten gut auskam. In dieser Position wurden mir dann immer wieder einmal Beschwerden über den Spieß zugetragen, wenn sich einzelne Personen ungerecht gehandelt fühlten.
Wir versuchten in Gesprächen mit dem Batteriechef Abhilfe zu schaffen, aber nur mit mäßigem Erfolg. Den Chef interessierte mehr die technische Seite der Einheit, weniger die menschliche. Die Sache spitzte sich dann etwas zu, die Klagen wurden lauter und häufiger. Daraufhin beschlossen wir Vertrauensmänner, uns nunmehr eine Etage höher zu beschweren, also beim Bataillonskommandeur in Bremervörde. Was durchaus eine heikle Angelegenheit war, denn natürlich war nicht damit zu rechnen, dass unser Spieß – mit dem wir im Innendienst täglich zu tun hatten – das besonders gut finden würde.
Ganz im Gegenteil. Als er von unserer Meldung erfuhr, die wir natürlich clever am Dienstweg vorbei direkt nach Bremervörde geschickt hatten, war er fuchsteufelswild und lud uns in sein Büro vor. Er bedrängte uns, die Meldung zurückzuziehen und das alles im Sande verlaufen zu lassen. Damit wäre natürlich niemanden der Soldaten gedient gewesen, also lehnten wir das ab und taten genau das Gegenteil von dem, was er erwartete: Wir schrieben umgehend eine neue Meldung, in dem wir dem Bataillonskommandeur mitteilten, dass der Spieß versucht hatte uns zu beeinflussen und sogar gedroht und unter Druck gesetzt hätte.
Dieses Schreiben zeigte sehr schnell Wirkung, denn als Reaktion wurde unser Spieß kurze Zeit später versetzt zu einer Einheit nach Munster, die damals mehr oder weniger offen als „Strafkompanie“ bezeichnet wurde. Uns war es recht, wir waren ihn und sein autoritäres Gehabe los.
Als Nachfolger erhielten wir dann einen umgänglichen Feldwebel, der eigentlich in der Stellung Dienst tat, aber nichts gegen einen Innendienst Job hatte. Für mich persönlich hatte diese ganze Aktion, die für die meisten Soldaten eine Erleichterung war, auch Konsequenzen und Vorteile. Zunächst wurde ich aus der Schreibstube ins Vorzimmer des Chefs versetzt, allerdings mit den gleichen Aufgaben wie vorher. Nur im anderen Büro und mit direktem Chef-Kontakt. Was mich nicht weiter störte, da er meistens sowieso in der Raketenstellung war. Der neue Spieß musste das Büro direkt neben der Schreibstube beziehen, um alles etwas besser im Auge zu haben.
Und ich konnte jetzt mehr oder weniger tun und lassen, was ich wollte. Zum einen hatte ich nur noch ein halbes Jahr Dienstzeit, zum anderen hatte jeder Respekt oder Angst, dass ich mich direkt wieder beschweren würde, wenn es halbwegs einen Anlass geben würde. Dafür gab es aber keinen Anlass, im Gegenteil konnte ich als direkte „Vorzimmer-Dame“ des Chefs sogar noch den einen oder anderen kleinen Vorteil für einzelne Soldaten aushandeln.
So verlief der Rest meiner Bundeswehr-Dienstzeit ohne weitere Störungen, zumal ich auch die Anmeldung zu einem Unteroffiziers-Lehrgang ablehnte. Ich war seit der Ablehnung als Offiziers-Anwärter in Oldenburg automatisch UA, also Unteroffiziers-Anwärter und hätte längst zu einem Lehrgang geschickt werden müssen. Das hatte unser ehemaliger Spieß aber verpennt und mir war es egal gewesen. Jetzt gab es Druck von oben, weil ich nicht gemeldet wurde. Ich kam meinem Chef sehr entgegen, indem ich einfach sagte: „Nein, ich will da nicht hin. Ich ziehe den Antrag auf UA zurück.“ Das ersparte ihm Ärger und mir in meinen letzten 3 Monaten Dienstzeit einen anstrengen Lehrgang mit Robben im Gelände, Schießen und mehr Unsinn.
So wurde ich dann ehrenvoll zum 30.06.1974 aus der Bundeswehr entlassen und erhielt als Belohnung für meinen treuen Dienst für das deutsche Volk noch 3 Brutto-Monatsgehälter als Abfindung, also etwa 4000 DM.
