Ergebnisoffen statt „alten Stiefel fahren“

Von Roman Ertl

Plädoyer für den Dialog (vielleicht sogar auf Augenhöhe?)

Von der Wortbedeutung her ist eine Routine eine mehrfache Wiederholung, die zur Gewohnheit wird. Dabei ist eine feste Abfolge vorgesehen. Auch bei einer Zauberroutine ist das so: Die üblichen Gags sitzen an der gleichen Stelle, nach dieser Aktion folgt genau jene und der Schlusspunkt ist ein bestimmter Applausbringer. Durch die jahrelange Erfahrung weiß der Zauberer, was wann gut ankommt.

So eine Routine ist eingeschliffen, gibt Sicherheit und Orientierung im Gesamtablauf und zeigt die Souveränität und Erfahrenheit des Akteurs, das kleine Publikum zu lenken. Dies war stets und ist auch heute noch ein Erfolg versprechendes Konzept. Mögen manche Routinen schon zu geliebten Ritualen bei den Kindern wie bei dem Magier geworden sein, so werden andere Routinen langweilig, wenn man sie wiederholt sieht. Das Kind kennt den Ausgang der Geschichte und wenn es etwas älter geworden ist, dann lässt es sich nicht mehr lustvoll auf das Spiel ein.

Stets der „gleiche Stiefel“

Außerdem merken die Eltern, dass etwas nicht stimmt, falls der Zauberer mit einem „individuell auf ihre Kinder abgestimmtes Programm“ geworben hat. Dem Zauberer ist es anscheinend egal, was für ein Publikum vor ihm sitzt, er fährt stets den gleichen „alten Stiefel“. Die Kinder haben in Wirklichkeit gar keinen Einfluss oder Eingriff auf das Geschehen auf der Bühne. Es kommt immer doch genau so, wie der Mann da vorne es sich ausgedacht hat. Das Kind ist nur pseudoaktiv, tatsächlich ist es aber wie immer: Die Großen bestimmen und die Kleinen schauen zu. Für eine Mitgestaltung des Programms bleibt kein Raum. Es ist kein Dialog, eigentlich nur ein Monolog, getarnt und getäuscht als Zwiesprache mit dem Publikum. Hier gibt es keinen Unterschied zum Fernsehen. Und da schaltet man auch nach Wiederholungen um – oder hier als Bühnenpublikum ab.

Ergebnisoffene Routinen

Nun kann der Magier herumreisen, neue Zielgruppen ansprechen und hoffen, dass kein anderer Zauberer vor ihm seine Routinen vorgeführt hat. Oder er kann ergebnisoffene Routinen konzipieren, in denen er wirklich in einen echten Dialog mit dem Kinderpublikum tritt. Dafür wäre die Geschichten erzählende Zauberei eine Möglichkeit der Umsetzung. Dabei könnten sich z. B. die Kinder für Rot-, aber auch Grün- oder Blaukäppchen entscheiden. Auch ob diese auf einen Wolf, Räuber oder eine Hexe trifft entscheiden die Kinder. Der Weg durch den Wald kann geschlichen, marschiert oder mit einem Lied gesungen werden usw. Auch das Ende der Geschichte wäre offen, vielleicht frisst die Großmutter ja den Wolf.

Dialog mit dem Kind

Das bei so einer Aufführung die Kommunikation, Choreographie, szenischen Darstellungen sowie weiteren Interaktionen diverser Formen kreativer und offener sein werden als die Tricktechnik, ist nicht immer unvermeidlich. Denn wer den Aufwand nicht scheut, kann hier verschiedene Angebote parat haben, mehrere zauberhafte Schleifen anbieten, sowie mehrere Outs und Endszenerien bereit stellen. Das Ziel so einer Vorstellung wäre dann deutlich: Das Kind wirklich ernst nehmen und mit ihm in einen Dialog treten.

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