Fortbildung – weitere Gedanken

Von Ulrich Rausch

Der Blogbetreiber Volkmar Karsten hat in seinem Beitrag „Fortbildung muss sein!“ auf die Notwendigkeit zur Weiterbildung von Kinderzauber*innen und die Orte, an denen dies geschehen kann, hingewiesen. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Aber ich möchte doch zwei Beobachtungen aus diesem Teil-Bereich der Zauberkunst hinzufügen, die mich überraschen und auch nachdenklich machen. Ich werde dies in Form von zwei (etwas provokanten) Thesen tun.

Kinderzauberei ist vollkommen bedeutungslos

Ich höre schon den Aufschrei, dass das nicht stimmt. Deshalb muss ich die These präzisieren: Kinderzauberkunst ist in der organsierten Zauberwelt vollkommen bedeutungslos! Ja, es gibt alle zwei Jahre Wettbewerbe, aber wo sind die sind die organsierten Seminartouren zum Thema Kinderzauberkunst? Wann wurde schon mal ein Kinderzauberer „Schriftsteller des Jahres?“ oder wo sind die regelmäßigen Beiträge in der „Magie – Die Kunst des Zauberns“?

Und da nütz es nichts, dass man sich darauf zurückzieht, dass man keine Beiträge habe, die man und frau veröffentlichen könnte. In andren Bereichen geht man ja auch aktiv auf die Suche nach Beiträgen. Vielleicht hat es ja auch mehr mit den persönlichen Vorlieben und Neigungen zu tun. Und mit der Bedeutung und Wertschätzung, die man der Kindersparte zumisst!

Kinderzauberkunst ist in den 90er Jahren stecken geblieben

Die Entwicklung der Zauberkunst ist immer auch in Abhängigkeit des Fortschritts von Wissenschaft und Technik geschehen. Künstler habe sich die neuesten Techniken zu eigen gemacht, um ihre Wunder auf die Bühne zu bringen. Man braucht nur einen beispielhaften Blick in die Elektronik zu werfen und sich die ersten Geräte von H.M. Paufler ansehen, um zu verstehen, dass er immer die neuesten ihm zur Verfügung stehenden Materialien verwendet, um sein Tricks zu schaffen. Oder die Mentalmagie, sie bedient sich sowohl bei den neuesten psychologischen Erkenntnissen wie auch bei elektronischen Hilfsmitteln.  Und auch die Gestaltung der Präsentationen, die Effekt-Themen, hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert.

Aber wie sieht es bei der Kinderzauberei aus? Meine sehr persönliche Meinung ist, dass hier in den letzten 30 Jahren – und dies ist immerhin die Zeitspanne für eine ganze Generation – keine bedeutende Weiterentwicklung stattgefunden hat. Ich mag jetzt gar nicht die Shows anführen sondern zwei andere Indizien:

a) Immer wieder gibt es in Foren Anfragen nach Tipps von und für angehende Kinderzauberer. Als Ratschläge werden dann immer die Schriften von Schenk/Sondermeyer oder Boretti genannt. Das sind keine schlechten Tipps, und ich will ausdrücklich die nicht zu unterschätzenden Verdienste von ihnen erwähnen. Zugleich möchte ich aber doch darauf hinweisen, wie alt diese Quellen sind. Ich glaube, dass sich die Lebenswirklichkeit von Kindern in den letzten30 Jahren auf vielen Ebenen vollkommen verändert hat. Heute habe wir kein Kind mehr vor uns sitzen, das 1990 geboren wurde, das mag man gut finden oder bedauern. Aber eines geht sicher nicht: Diese Veränderungen zu ignorieren. Und wo werden diese Veränderungen reflektiert, wo werden sie in ein pädagogisch verantwortet Konzept integriert?

b) Es ist ja heutzutage ganz leicht, per Internet die Kataloge von Händlern nach Tricks, die speziell für Kinder gedacht und gemacht sind, zu durchsuchen. Was würde übrig bleiben, wenn man mal in Gedanken die Tricks streicht, die es schon seit 20 oder mehr Jahren gibt? Ich befürchte: Nicht viel! Ich will damit nicht sagen, dass die alten Sachen schlecht sind, aber dass es so gut wie nichts Neues gibt, macht mich doch sehr nachdenklich?

Und so habe ich eigentlich nur zwei Fragen, auf die ich selber keine Antwort habe: Woran liegt es, dass die Kinderzauberei so beharrlich rückständig ist? Und: Was kann man tun, dass die Kinderzauberkunst im Heute und Jetzt ankommt?

4 thoughts on “Fortbildung – weitere Gedanken

  1. Wow – was für eine tolle Anmerkung, die mir sehr aus der Seele spricht!
    Allerdings möchte ich doch ein paar Anmerkungen loswerden, ein paar Dinge relativieren und ein paar ergänzen:

    Ich denke Deine Aussagen beziehen sich sehr stark auf den deutschen Markt der Kinderzauberei – und hier gebe ich dir recht – ist die Kinderzauberei fast bedeutungslos. Ich habe auch immer das Gefühl, dass ich als 1000% überzeugter Kinderzauberer immer von vielen Kollegen*innen etwas belächelt werde … ala wenn er groß ist, wird er „echter Zauberer“. Daher habe ich mich bereits sehr früh dem amerikanischen und auch britischen „Markt“ des Kid-Show bzw. Family-Entertainment zugewandt.
    Denn man kann natürlich bezüglich des Vorführstils sehr geteilter Meinung sein – aber das bspw. eine KIDabra in diesem Jahr 30stes Jubiläum gefeiert hat und es meines Wissens in Europa (mit Ausnahme von TRIX in GB) nicht einmal eine ähnliche Konferenz für Kinderzauberer*innen gibt spricht für mich Bände!
    Dabei freue ich mich riesig auf das kleine aber feine Treffen in Bremerhaven, aber eine Konferenz mit X Referenten ist eben doch etwas anderes…

    Und aktuelle Literatur zur Kinderzauberkunst kommt eigentlich auch zu 99% aus Amerika und Großbritannien – so schade diese auch sein mag.

    Dabei bin ich selbst ein großer Fan von Boretti und auch von David Ginn ( irgendwie sind beide von der Hauptzielgruppe für mich sehr ähnlich), sehe jedoch einige der Kunststücke bzw. Vorführstile der beiden freundlich ausgedrückt als heute nicht mehr zeitgemäß an. Das hat dabei nichts mit deren Lebenswerk zu tun – aber die Welt dreht sich einfach weiter 😉

    Und bezüglich der Artikel der Zaubergerätehändler gehe ich sogar noch einen Schritt weiter: Wenn man hier alle Kunststück streicht, welche ÄLTER als 20 Jahre sind UND KEIN modernes und kindgerechtes Layout besitzen … bleiben in Deutschland noch höchstens 2-3 Kunststücke übrig 🙁
    Hier kommt dann tatsächlich zu 100% alles aus den USA oder GB…

    Die Gründe für diese „Misere“ sind für mich dabei vielschichtig. Denn einerseits haben sich Kinder in ihrem grundsätzlichen Humor nicht wirklich verändert und so funktionieren auch die „alten Konzepte“ und Kunststücke sehr gut. Und auch den Zauberhändlern kann man nur sehr bedingt einen Vorwurf machen – denn die produzieren einfach die Kunststücke die auch der Endkunde kauft… Und da neue Kunststücke schlicht (viel) Entwicklungszeit, Prototypenbau, Layoutarbeiten … verschlingen – ist der Markt hier (leider) mehr als überschaubar. Denn aus meiner persönlichen Erfahrung sind über 95% der Kinderzauber*innen sehr preissensitiv was Requisiten angeht. So habe ich schon sehr oft von Kollegen*innen gehört, dass diese bspw. meine Requisiten super finden – nur mir dann beim Preis oder der Entwicklungszeit „den Vogel zeigen“.
    Denn diese sehen Kinderzauberei gefühlt mehr aus der Sicht des Endkunden: Warum soll ich Betrag X für Requisiten investieren, wenn ich meine Show auch sehr preiswert zusammenstellen und zum Discountpreis anbieten kann? Denn irgendwie müssen sich solche Investitionen ja auch amortisieren … und den Preisdruck in unserer Branche empfinde ich durchaus als „schwierig“.

    1. Vielen Dank für den sehr ausführlichen udn in meinem Augen auch sehr richtigen Kommentar.
      Zu den Zaubertricks eine kleine Anmerkung: Im Almanach 2021, der wahrscheinlich im Januar/Februar 2022 erscheinen wird, werde ich ein Kunststück veröffentlichen, dass ursprünglich ein Händler herausbringen wollte, sogar schon Zeichnungen hat anfertigen lassen – dann abe,r ohne abzusagen, ohne einen Grund zu nennen, es nicht veröffentlicht hat. Dann wollte eine Vereinszeitschrift den Trick als Beilage den Mitgliedern schenken (8 Spielkarten). Ich setzte mich also hin und mache eine ausführliche Beschreibung und sage wo man die Karten drucken könnte usw. und auf einmal war – trotz Nachfrage – nicht mehr die Rede davon. Weil es ein Kindertrick ist?

  2. Die neue Generation der Zauberer braucht nur ein Kartenspiel und ein Handy. Damit kann man/frau keine Kinderzaubershow mehr gestalten. Wer will zudem heute noch mit Zaubergepäck reisen?

  3. Vielen Dank für dieses interessante Thema!
    Zwei kleine Anmerkungen von mir:
    1.
    Viel Gepäck ist nicht zwangsläufig ein Qualitätskriterium. Wenn es jemand schafft, mit wenig Requisiten sein Publikum tatsächlich gut zu unterhalten – warum nicht?
    2.
    Den berühmten Finger in die Wunde gelegt hatte ich schon vor über 10 Jahren.
    Nämlich unter dem Titel „Manipulation im Kinderprogramm – Eine Auffordern in drei Kapiteln“.
    Veröffentlicht u. a. im Buch Kids 5.

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