„Kannst du wirklich zaubern?“

Ein Beitrag von Bernhard Raupach

Ich kann nicht zaubern!

Immer wieder ist in der Literatur zur Zauberei für Kinder zu lesen, dass es nötig sei, den Kindern klarzumachen, dass der Zauberkünstler1, nicht wirklich zaubern könne. Ist der „schöne Schein“ eine Gefahr für Kinder?

Kinder haben ein Bedürfnis nach Wahrheit

Warum profitieren die Kinder, wenn sie wissen, dass der Zauberer nicht zaubern kann?

  1. Kinder haben ein Recht auf Wahrheit. Denn das „Vorgaukeln“ ist nur eine weitere Form der Lüge und zeugt von Respektlosigkeit gegenüber Kindern.
  2. Die vermeintliche Zauberei könnte bei Kindern auch den Glauben an das Übersinnliche und das Okkulte fördern. Ich persönlich teile diese Bedenken nicht. Ob dieses Argument in der Gospel Magic oder bei kirchlichen Veranstaltungen relevant sein könnte, kann ich nicht beurteilen.
  3. Kinder könnten Angst vor der vermeintlichen „Allmacht“ des Zauberers bekommen.
  4. Wenn Kinder glauben, dass sie selbst zaubern können, führt dies zu Selbstüberschätzung und enttäuschten Hoffnungen.
  5. Die Kinder sollen verstehen, dass Zauberkunst letztlich reales Können, Wissen und Übung voraussetzt.

Kinder haben ein Bedürfnis nach Täuschung

Ist die Kindheit denn nicht per se ein Lebensabschnitt, in dem unzählige phantastische Gestalten auftauchen? Kann es den Kindern wirklich schaden für eine gewisse Zeit an die Zahnfee, den Osterhasen, den Superhelden oder den Zauberer zu glauben?

  1. Zaubern ist ein Ausdruck von Stärke. Kinder wollen selbstwirksam sein und ihre Welt mitgestalten. Ihre kindlichen Fähigkeiten sind in der Realität begrenzt. Als Zauberer fühlen sich die Kinder mächtig.
  2. Das „Magische Denken“2 ist eine typische kindliche Entwicklungsphase. Kinder zwischen zwei und fünf Jahren erklären sich die Welt mit einer „magischen Logik“. Daher ist das Zauberhafte nicht das Gegenteil der kindlichen Realität. Sie ist vielmehr ein integraler Bestandteil davon. Dies zu berücksichtigen ist meiner Meinung nach ein wichtiges Merkmal der Zauberei für Kinder.
  3. Zaubern wirkt entlastend. Die Kinder erleben, wie es scheinbar mühelos gelingt die Naturgesetze aufzuheben. Sie können für die Dauer der Vorstellung erleben, was es heißt unterhalten zu werden: Leichtigkeit statt Mühe, Lachen statt Traurigkeit, Gelingen statt Versagen, Genießen statt Leisten.

Sinnvolle Entzauberung

Wie hast du das gemacht?

Wenn Kinder mich so fragen, darf die Antwort meiner Meinung nach nicht lauten: „Das ist Zauberei!“. Ich erkläre in diesem Fall, dass es eine Täuschung ist, ein Kunststück, ein „So-tun-als-ob“. (Aber verstehen Kinder tatsächlich, was ein „Trick“ ist ohne eine Trickerklärung jemals gesehen zu haben?)

Ich möchte das auch können!

Wenn sich Kinder dahingehend äußern , dass sie selbst einmal zaubern wollen, dann lohnt es sich auf die Zauberbücher in der Bibliothek , VHS-Kurse, You-Tube Videos, oder den Zauberkasten zu verweisen. Das ist unmittelbare Nachwuchsförderung.

Ich habe Angst!

Es kommt sicherlich selten vor, dass Kinder vor dem Zauberer oder seinen Kunststücken Angst bekommen. Dann ist die Entzauberung aber Pflicht.

Mach, dass meine Katze wieder lebt!

Kinder in sensiblen Lebenslagen brauchen Hoffnung. Aber hier sollten wir ehrlich zu den Kindern sein. Wir können niemanden gesund machen, der krank ist. Wir können nicht zaubern, dass die Eltern nicht mehr streiten. Aber vielleicht haben wir ein offenes Ohr und mitfühlende Worte für sie. Wäre das nicht auch ganz zauberhaft?

Lügner! Angeber!

Wenn Kinder uns als Hochstapler ansehen, können wir ihnen nur Recht geben. Wir sind keine wirklichen Zauberer. Wenn wir dem jungen Publikum aber freundlich und auf Augenhöhe begegnen, gibt es kein Podest, von dem man uns stoßen müsste.

Störende Entzauberung

Die Träumer

Die jungen Zuschauer*innen, die mitten in der „magischen Phase“ stecken, würden trotz der gutgemeinten Erklärung weiterhin an die Zauberei glauben (wollen). Mögliche Folge: Desinteresse.

Aus der Rolle fallen

Wenn der Zauberer selbst seine Entzauberung bekanntgibt, fällt er aus der Rolle. Die Kinder sehen zwar den Zauberer vor sich. Dieser agiert aber nicht als Zauberer sondern als Kommentator. Mögliche Folge: Irritation.

Zu vermeiden wäre dies durch:

  • genügend zeitlicher Abstand zwischen Erklärung und Vorstellung
  • die Erklärung erfolgt in einem anderen Raum (z.B. Eingang) oder vor dem geschlossenen Vorhang
  • die Erklärung erfolgt ohne Kostüm oder Maske
  • die Erklärung erfolgt durch eine andere Person (Veranstalter, Erzieher*innen,etc…)

Die Aufgeklärten

Natürlich haben wir auch oft die Kinder im Publikum, die bereits wissen, dass es sich nicht um wahre Magie handelt. Z.B.: ältere Kinder oder Kinder die bereits Gespräche über die Zauberkunst geführt haben. In diesem Falle würde es wenig Sinn machen, dies in der Vorstellung zu betonen. Wir würden nur etwas herausstellen, dass die Kinder ohnehin bereits verstanden haben. Mögliche Folge: Langeweile

Mein Fazit: Gezielte Entzauberung

Vor unserer Bühne versammeln sich Träumer, Genießer, Aufgeklärte und Neugierige. Es wäre daher falsch eine Lösung für diese gesamte heterogene Masse zu finden. Das eine Kind braucht die Täuschung, das andere Kind braucht die Wahrheit.

Daher meine Empfehlung:

Entzauberung nur im Einzelgespräch, niemals auf der Bühne.

..

1 Ich habe die männliche Form in meinem Text nur zur besseren Lesbarkeit gewählt. Ich schließe ausdrücklich alle zaubernden Frauen mit ein.

2  vgl.: https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/entwicklungsschritte/geistige-entwicklung/magische-phase/ (26.10.2020)

5 thoughts on “„Kannst du wirklich zaubern?“

  1. Hallo Bernhard,

    vielen Dank für Deine umfassende und ausführliche Meinung.
    Ich sehe das allerdings ein klein wenig anders:
    Grundsätzlich zaubere ich erst für Kinder ab dem 5. Lebensjahr, Und zwar aus dem Grund, weil hier bereits das Verständnis für Zauberkunst gegeben ist. Sprich die Kinder verstehen, dass Dinge, die in der Show passieren, in Wirklichkeit so nicht möglich sind. Und deswegen staunen sie.
    Jetzt kann es aber sein, dass es innerhalb des Publikums Kinder gibt, die (aus welchen Gründen auch immer) Angst haben. Angst oder Ungewissheit vor dem, was da gleich passiert. Und zwar deswegen, weil sie diese Situation vielleicht nicht einschätzen können. Ein Zauberer ist schließlich auch nicht so alltäglich, wie ein lustiges Kindertheater oder zusammen Lieder singen.
    Ich persönlich möchte diesen Kindern aber gerne die Ungewissheit/Angst nehmen, damit sie, wie alle anderen, meine Show ganz unbeschwert genießen können.
    Eigentlich mache ich daher genau das, was Du unter dem Punkt „Sinnvolle Entzauberung“ geschrieben hast… Ich sage nämlich den bzw. allen Kindern, dass ich eigentlich nur so tue als ob…
    Natürlich nicht einfach so, sondern im Rahmen meines Eröffnungskunststücks. Das Witzige ist, ich tue so, als ob mich die Kinder beim Tricksen erwischt hätten, obwohl das gar nicht der Fall ist. Und so ganz nebenbei bekommen dann alle(!) von mir die oben erwähnte „Information“.
    Ich konnte bisher auch nicht feststellen, dass das meiner Show irgendeinen Abbruch getan hätte. Eher im Gegenteil.
    Es ist sogar oft der Fall, dass hinterher behauptet wird: „Du kannst ja doch zaubern!“

    Beste Grüße
    Mike

    PS:
    Ich gespannt auf weitere Meinungen zu diesem spannenden Thema!

  2. Man kann das Problem wie Du schon sagst nicht abschließend klären. Es kommt vor allem auf das Alter der Kinder an. Ich finde bei kleinen Kindern gibt es keinen Grund für Entzauberung. Sie glauben ja auch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen – und das ist gut so. Wann dieser Glaube aufhört, ist bei jedem anders. Entsprechend finde ich eine Entzauberung im öffentlichen Rahmen unsinnig. Im Einzelgespräch ist das natürlich etwas ganz anderes.
    Um dem Problem des „Wunderheilers“ (sei es, dass man Angst vor ihm hat, sei es, dass man private Lösungsprobleme erwartet) entgegenzutreten, zaubert bei mir mein Zauberwürfel (Würfelkasten). Ich bin nur „Staffage“. Älterne Kinder verstehen das als Witz, jüngere nehmen das einfach so hin. Damit bin ich immer gut gefahren. Und ich kan sogar noch sagen, dass ich nicht weiß, wie der Zauberwürfel das gemacht hat. Auch hier ist der Kontekt für kleine und große Kinder komplett anders.

    1. Danke . Ich musste über die Bezeichnung des Zauberers als „Staffage“ gerade sehr schmunzeln. Schlechte Zeiten für ein Zauberer- Ego. Aber sicherlich ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal im Vergleich zur Zauberkunst für Erwachsene.
      Viele Grüße , Bernhard

  3. Danke Mike für deine Ergänzungen und Erfahrungen. Ich bin deiner Meinung, dass Kinder manchmal fast eingeschüchtert sein können weil ein Zauberer tatsächlich nicht „alltäglich“ ist. Bestimmt kann ein lustiges Eröffnungskunststück dazu beitragen Vertrauen und eine fröhliche Atmosphäre zu schaffen.
    Viele Grüße, Bernhard

  4. Dazu möchte ich auch einen Kommentar abgeben.
    Bei meinen Shows in den Hotels sind ja meistens die Eltern auch dabei. Auch ist das Alter sehr unterschiedlich. Es ist manchmal eine Herausforderung für 3 -99jährige eine spannende und altersgemäße Show abzuliefern. Am Anfang höre ich öfters, dass die Eltern, wenn ihre Kinder nicht brav sind sagen: „Wenn du nicht brav bist, dann zaubert die der Zauberer weg!“
    Ich erkläre dann dem Kind das ich es nicht wegzaubern kann, denn es sind alles Tricks die wir machen. Weiters sage ich auch das in den Märchenbüchern und im Fernsehen es doch möglich ist. Die Eltern schauen mich dann ganz entgeistert an, weil ich ihnen das Druckmittel Zauberer zunichte gemacht habe.
    Ja ja die lieben Eltern…

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