Magische Visite (2)

Zauberer MIKE setzt hier seine Reihe über das Zaubern in einer Klinik (nicht nur) für krebskanke Kinder fort. Den ersten Teil findest du hier.

Die Kleidung

Was die Kleidung betrifft, so gibt es bei uns im Team zwei Varianten: Man betritt die Zimmer entweder als „Arzt“, oder eben als „Künstler“ [1].

Der Witz ist, beides funktioniert hervorragend. Kommt ein Arzt ins Zimmer, so ist ihm auf jeden Fall erst einmal die volle Aufmerksamkeit gewiss. Beim Künstler ist es aber nicht viel anders, denn auch hier fragt sich jeder, was jetzt wohl gleich passiert?

Die Kontaktaufnahme

Wir stellen uns grundsätzlich ohne große Umschweife vor, verweisen auf die nun folgende „Magische Visite“ und begrüßen dabei oft sogar alle Anwesenden mit Handschlag[2] und die kleinen Patienten – je nach Alter – auch gerne einmal mit der so genannten „Ghetto-Faust“.  

Erwachsene und ältere Kinder sind meist sofort im Bilde, und wissen genau, dass nun etwas „außer der Reihe“ folgt.

Kleinere Patienten bleiben hingegen zunächst sehr skeptisch. Was man ihnen aber auch gar nicht verdenken kann, weil unliebsame Untersuchungen und Behandlungen hier leider zur Tagesordnung gehören.

Hier gilt es dann, mit Einfühlungsvermögen und sehr viel Fingerspitzengefühl das Eis zu brechen…

Dazu später mehr. Blicken wir zunächst einmal zurück auf die Auswahl der entsprechenden Kunststücke und die damit verbundene Logistik.

Die Logistik

Genau genommen ist die Zauberei im Krankenzimmer tatsächlich nichts anderes, als eine andere Form von „Tablehopping“, aber eben unter ganz besonderen Umständen.

Insofern sind sowohl für Transport und Logistik, als auch für die Auswahl der Kunststücke, erst einmal grundsätzlich dieselben Kriterien zu beachten.

Für Transport und Logistik gibt es viele unterschiedliche Möglichkeiten. Diese sind wiederum abhängig von den individuellen Vorlieben jedes Einzelnen. Letztendlich gilt es, für sich selber eine möglichst praktikable Lösung zu finden.

Exemplarisch möchte ich daher an dieser Stelle zwei Möglichkeiten aus unserer Praxis beschreiben.

Die Arzttasche  

Ich kenne viele Zauberkünstler, die so eine klassische Ledertasche für ihre CloseUp-Requisiten verwenden. Aber nirgendwo passt diese Tasche wohl besser, als beim Einsatz in einer Klinik.

Ein großer Vorteil ist sicherlich der große Stauraum. Dadurch ist man, was die Anzahl und Größe der Requisiten angeht, deutlich weniger eingeschränkt. Und weil sich das komplette Programm in der Tasche befindet, spielt natürlich auch die Wahl der Kleidung nur noch eine untergeordnete Rolle.

Allerdings muss man für jede Vorführung aufs Neue eine geeignete Ablage für die Tasche finden. Geeignet insofern, dass sich die Tasche möglichst immer in eigener Reichweite befindet, um bequem daraus agieren zu können. Bei den beengten Platzverhältnissen in einem Krankenzimmer manchmal eine große Herausforderung.

Das Sakko

Alle Requisiten befinden sich in diversen Taschen verteilt. Alles ist stets griffbereit und man kann relativ frei arbeiten, weil man sich um nichts weiter kümmern muss.

Bei dieser Variante ist jedoch das Platzangebot für die Requisiten schon ziemlich eingeschränkt und man sollte außerdem besonders darauf achten, die Taschen so zu nutzen, dass man sie zwischendurch nicht aufräumen oder neu sortieren muss. Idealerweise befindet sich also nach einer Vorführung jedes einzelne Requisit wieder einsatzbereit genau an derselben Stelle wie zuvor.

Bei dieser Variante kann man sich völlig frei im Zimmer bewegen, weil man eben nicht an einen festen Bezugspunkt für die Aufnahme oder Ablage seiner Requisiten gebunden ist.

Die Auswahl

Was die Auswahl der Routinen betrifft, so erweist es sich eigentlich immer als Vorteil, mit möglichst wenig Requisiten, möglichst viele Kunststücke vorführen zu können.

Erster Gedanke dazu: Perfekt – eigentlich reicht doch da ein einziges Kartenspiel und die Transport- und Logistikfrage stellt sich somit auch erst gar nicht.

Ja, aber…

Die alles entscheidende Frage lautet nämlich: Bin ich persönlich überhaupt dazu in der Lage? Nicht jeder ist ein „Kartenhai“. Und nicht jeder „Kartenhai“ ist mit seiner Kartenkunst auch gleichzeitig unterhaltsam. Schon gar nicht, wenn man noch die bereits erwähnten Vorführbedingungen berücksichtigt. Zumindest für sich selbst erkennt der eine oder andere jetzt vielleicht die Grenzen des Machbaren.

Abgesehen davon steht auch nicht jeder Zuschauer auf „Kartentricks“. Und ganz ehrlich… ist Abwechslung im Programm nicht sogar etwas sehr Schönes für unser Publikum?

Ein ganz entscheidender Faktor für die Auswahl eines Kunststücks ist aus meiner Sicht immer das persönliche Interesse. Nur wenn man sich mit einem Kunststück wirklich identifiziert, Spaß daran hat und eine Leidenschaft dafür entwickelt, nur dann führt man es auch selbstsicher und überzeugend vor.

Nachdem also die Auswahl der Routinen und damit auch die benötigten Requisiten feststehen, empfiehlt es sich, für jede einzelne Routine einen Flexibilitäts-Check zu machen:

  • Ist mein Kunststück aus unterschiedlichen Positionen und Blickwinkeln gleich gut zu sehen?
  • Ist mein Kunststück einfach und verständlich?
  • Ist mein Kunststück visuell?
  • Funktioniert mein Kunststück auch ganz ohne Sprache?
  • Funktioniert mein Kunststück ohne SetUp?
  • Funktioniert mein Kunststück ohne ReSet?
  • Funktioniert mein Kunststück ohne Ablage?
  • Funktioniert mein Kunststück bei unterschiedlichen Blickwinkeln?
  • Hat mein Kunststück Zuschauerbeteiligung?
  • Passt mein Kunststück zu meiner Logistik?

Im Idealfall hat man nach dem Check bei allen zehn Fragen ein „Ja“ stehen.

Vielfach wird es aber wohl eher nicht so sein. An dieser Stelle kann man sich dann aber Gedanken machen, ob es Möglichkeiten gibt, einzelne Punkte dahingehend zu optimieren.

Wird fortgesetzt…


[1] Von der Kleidung her auffällig, aber eben nicht als Zauberer erkennbar

[2] Isolierzimmer sind grundsätzlich tabu

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