Nochmal zum „Froschkönig“

Ulrich Rausch

Vorwort von Volkmar Karsten: Zu meinem Artikel „Respekt und No go“ gab es viele und ausführliche Reaktionen, die sich in den Kommentaren wiederfinden. Dabei waren einige ausführlich genug, um fast als eigene Artikel gelten zu können. Der jetzt vorliegende Beitrag von Ulrich Rausch zieht noch etwas weitere Kreise und soll daher nicht als Kommentar, sondern als Beitrag veröffentlicht werden.

Generell möchte ich auch noch festhalten, dass es bei aller geäußerten Kritik nicht um Kritik an dem Trick „Princess in a pickle“ an sich geht, sondern ausschließlich um die Vorführung von Silly Billy. Dass man diesen Trick auch als feines Kunststück ohne kritische Situationen vorführen kann, hat ja BeLu bewiesen. Nun aber zu dem Artikel.

Silly Billy – die Zweite

Nachdem  über das Video von Billy Silly https://www.magic-factory-essen.de/sparten/buehne/princess-in-a-pickle.html?number=MF22229 schon einmal ausführlich hier diskutiert wurde, scheint alles gesagt. Oder doch nicht?

Ich möchte noch auf zwei Punkte hinweisen und einen kleiner Fehler korrigieren. Auch wenn alle den gleichen Fehler machen, bleibt es trotzdem ein Fehler. Bei dem Trick geht es um das alte Märchen des „Froschkönigs“. So wird es auch auf der deutschen Händlerhomepage beworben. Gut und schön, aber zu dem Märchen hat sich ein weiteres Märchen weit verbreitet, nämlich, dass die Prinzessin den Frosch küsst, damit er sich in einen Prinz verwandelt.

Davon ist in dem Original „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ aus den Hausmärchen der Brüder Grimm nicht die Rede. Der Frosch bringt die Prinzessin mit seinem Wunsch, in ihrem Bett schlafen zu können, so in Rage, dass sie ihn an die Wand wirft. Und dabei verwandelt er sich in den Prinzen.

Wenn also ein Kuss im Märchen gar keine Rolle spielt, ja noch nicht mal vorkommt, und man das Märchen nacherzählen will, dann ist die Frage, ob ein solcher Exzess, wie in dem Video zu sehen, aufgrund der Geschichte zu rechtfertigen ist, oder ob die angebliche Handlung des „Kusses“ nur als billiger Grund für „lustige“ Handlung genommen wird.

Die Brüder Grimm

In diesem Zusammenhang: Die Märchen der Brüder Grimm sind teilweise brutal, meist haben sie einen verschlüsselten Hintergrund, aber als Vorwand Gewalt zu inszenieren taugen sie nicht.

Wenn Sie demnächst in einer Kontaktanzeige lesen „Suche Frosch zum Küssen“ seien Sie vorsichtig. Vielleicht kennt die Dame das Märchen ja etwas besser.

Werbung mit einem gewalttätigen Video?

Das Video wird auf einer Seite eines deutschen Zaubergerätehändlers verlinkt. Ein gewisses Einverständnis mit dem Inhalt dieses Videos muss man damit unterstellen. Andernfalls hätte er es ja wohl kaum verlinkt. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Er hält offensichtlich diese Präsentation des Kunststücks für werbewirksam und verkaufsfördernd. Denn er hätte ja das Kunststück auch ohne Link, ausschließlich mit dem eigenen Text und ein paar Fotos der Tücher bewerben können, ohne dass man diese Gewalt zeigt und mögliche Kunden damit anregt, es genauso nachzumachen.

In dem Werbetext heißt es unter anderem: „Die ganze Routine nimmt etwa 6 bis 7 Minuten in Anspruch, passt in jede Tasche und erzielt auf der Bühne große Wirkung.  Ich durfte Oguz Engin mit dieser Nummer im Europa Park erleben und war genauso wie das Publikum begeistert. Sie erhalten eine englischsprachige schriftliche Anleitung für zwei vollständige Routinen: Eine für größere Kinder (wie im Video zu sehen) und, sollten Sie keine so verrückte Natur sein wie Silly Billy, dazu eine niedliche und freundlichere Version, die für kleinere Kinder geeignet ist. Sie können Ihre Routine Ihrem eigenen Charakter entsprechend anpassen, immerhin haben Sie alle Freiheit zur Improvisation. Wenn Sie einfach nur den Vorgaben im mitgelieferten Manuskript folgen, werden Sie eine Menge Lacher ernten, weil die Witze bereits Teil des Routinemusters sind. Die Routinen sind interaktiv und spitze.“ (Hervorhebungen vom Autor dieses Beitrags)

Gewalt ist ein Tabu

...und auch nicht gegen Jugendliche und Erwachsene!

Das erste, was ich sehr kritisch sehe, ist, dass der Fabrik-Besitzer behauptet, diese Art der Präsentation wäre für größere Kinder geeignet. Warum das denn ? Ich bin der Meinung, dass sie für kein Alter geeignet ist! Was ist denn der Unterschied, wenn ich „kleine“ oder „große“ Kinder zwinge, sich zu küssen? Gewalt ist es in beiden Fällen. Und, wie ich schon mal in einer Rezension in der MAGIE geschrieben hatte, Gewalt ist auf der Bühne ein absolutes Tabu, auch wenn es im Scherz geschieht. So gesehen habe ich erhebliche Bedenken gegenüber dieser Person, und sie werden noch dadurch verstärkt, dass er meint, das diese Gewalt Ausdruck der „verrückten Natur“ des Vorführende ist. Da scheinen wohl die Maßstäbe etwas verschoben zu sein. Und um ein letztes Wort zu ihm zu sagen: Übernimmt er dadurch, dass er das Video verbreitet, indem er einen Link setzt, nicht auch ein Stück Mitverantwortung, wenn deutsche Zauberer das Kunststück genau so präsentieren?

Weltweites bloßstellen

Ich mag noch auf einen kleinen zusätzlichen Aspekt hinweisen. Die Kinder auf der Bühne werden vorgeführt. Dies geschieht aber nicht nur vor dem anwesenden Publikum. Sondern dadurch, dass es aufgezeichnet wurde und jetzt online weltweit abrufbar ist, hat das noch einmal eine ganz andre Dimension.

Das ist übrigens für mich ein Grund, warum ich Filmaufnahmen, auch zum privaten Gebrauch, bei Vorstellungen nicht gerne sehe: Ich selber stelle mich freiwillig vor Publikum aus, bin bereit mich zu blamieren oder nehme es mindestens billigend in Kauf und muss als Teil meiner Profession ggf. damit leben.

Aber alle Zuschauer, die ich um Mithilfe, sei es auf der Bühne oder im Saal, bitte, tun das nicht. Sie sind als Zuschauer gekommen und letztlich habe ich eine gewisse Verantwortung dafür, dass sie sich nicht bloßgestellt fühlen. Jeder kann sich mal blöd verhalten, vor allem wenn er die Bühnensituation und den Bühnenstress nicht gewohnt ist. Das kann ich live auch auffangen und abmildern. Aber wenn ein Video mit diesem Ausschnitt in die Netzwelt gelangt und dort verlinkt und geteilt wird, dann habe ich keinen Einfluss mehr darauf, was damit passiert.

Aber ich habe das Kind in die Situation gebracht und ich kann es jetzt nicht mehr schützen. Allein das finde ich einen hinreichend guten Grund, keine Aufnahmen zu erlauben, ganz abgesehen von den rechtlichen Schwierigkeiten, dass irgendjemand ein fremdes Kind (womöglich  ohne dessen Erlaubnis, bzw. die der Eltern) online stellt.

2 thoughts on “Nochmal zum „Froschkönig“

  1. Dass wir Zauberer immer mehr überlegen müssen, was auf der Bühne geht und was nicht, ist Tatsache (auch wenn wir das in den 80ern noch nicht getan haben).
    Ich bin bei meinen Shows sehr auf Zuschauermithilfe angewiesen und sorge vor allem dafür, dass sich jeder auf der Bühne (wo er/sie ja oft nicht freiwillig steht) wohl fühlt. Sonst kommt ja keiner mehr rauf.
    Das, zusammen mit Hygieneregeln, metoo, etc…ist „business as usual“ – der Vorschlag, den Zuschauer vor Filmaufnahmen (und Social Media) zu schützen, finde ich sehr gut und werde das in Zukunft noch genauer beachten. Vielen Dank für diese Inspiration!
    Christopher der Hofzauberer aus Landshut

  2. Ich ziehe meinen Zylinder vor dir.
    Danke für deine Worte. Die haben mir wieder gezeigt, dass man egal, wie man sich bemüht alle gut aussehen zu lassen, ein kleines Wort falsch gesagt, das Leben versauen kann. Ich muss leider gestehen, ich war bis gerade noch sehr erfreut, dass die Leute mich aufnehmen, aber dann kann es wirklich innerhalb von Sekunden jeder auf der Welt sehen.
    Ich werde auch stark noch mal darüber nachdenken müssen.
    Danke für die Augen öffnen, auch wenn ich nur mich bloß Stelle, ab und zu bring ich auch einen Zuschauer in Verlegenheit, in meiner Nähe ist es gut, aber Videos nehmen den Schutz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert