Verlorene Entchen à la Kümmelblatt

Beitrag von Roman Ertl – Vielen Dank

Diese Routine ist meine Kita-Variation der von vielen Kollegen vorgeführten Quietscheentchen. Sie hat sich zudem bestens bei Familienfesten bewährt, weil auch die Großeltern diesen zauberhaften Unfug begeistert zusehen: Man benötigt drei Gummientchen, einen Quieker in der Hand palmiert und los geht es.

Ich gebe vor, dass ich nicht so gerne meine Süßigkeiten abgebe, aber meine Mutter hat immer gesagt ich solle das stets tun! Ich zeige eine Lakritzschnecke vor und möchte diese allein verspeisen, denn wenn ich sie an die Kinder abgäbe, müssten sie sich diese teilen und dann würde jeder ja eh nur einen Bissen abbekommen.

„Oder wollt ihr die Lakritzschnecke haben?“ Was für eine Frage. Natürlich: Jaaa! „Ok, aber ich mache es nicht so leicht. Ihr müsst raten welche der drei Entchen hier quietscht. Dann habt ihr sie gewonnen.“

Wichtig ist es an dieser Stelle die Begriffe „Rechts, Mitte und links“ deutlich zu machen, weil sich sonst einige Kinder genau vor die Entchen stellen und mit dem Finger auf sie deuten, um zu zeigen, welches sie meinen.

„Also hier ist links! Ihr kennt links? Mit der Linken kannst du winken.“ Ich drücke demonstrativ deutlich auf die Ente. Nichts tut sich. „Die linke Ente quietscht nicht! Die hier in der Mitte, (ich drücke), quietscht auch nicht. Aber die rechte Ente, hier ist rechts, die rechte, (ich drücke deutlich auf), sie quietscht (weil ich den palmierten Quieker drücke).“

Da ich drei unterschiedliche Enten mit verschiedenen Hüten habe, kann sich jedes Kind selbstverständlich merken, welche Ente quietscht. (Groß)Eltern schütteln hier unverständig den Kopf, aber Kinder glauben jetzt im Vorteil zu sein, was sie auch sind, doch anders als erwartet.

„Jetzt mache ich es schwer“, verkünde ich. „Ich vertausche so schnell ich kann die Entchen, richtig blitzschnell, stelle sie auf einen anderen Platz und ihr müsst dann erraten, welche es war, die quietscht.“ Ich setze die Handlung um und „mische“ die Enten wild durcheinander. Während die Erwachsenen den Kopf schütteln, selten so einen dämlichen Zauberer gesehen zu haben, merken sich die Kinder, welchen Hut das Entchen hatte. „Na? Ist das Quietscheentchen rechts, in der Mitte oder links?“ frage ich atemlos und deute mit dem Finger. Die Kinder nennen sofort das richtige Entchen. Ich tue erstaunt. „Ja? Wirklich das? Ohje, dann habt ihr gewonnen. Aber … gebt ihr mir noch eine Chance? Ich vertausche noch einmal so schnell ich kann und dann könnt ihr bestimmt nicht mehr herausfinden, welches Entchen quietscht.“

Ohne eine Antwort abzuwarten vertausche ich wieder die Positionen, noch schneller als vorher. Die Kinder machen hier mit, einerseits weil sie wissen, dass sie immer gewinnen können, was ihnen ein Lustgefühl gibt, andererseits ist es ein spaßiges Spiel, was ihnen gefällt. Nach vollbrachter Tat frage ich wieder – mit der richtigen Verortung der Kinder als Resultat: „Oh, rechts? (Ich mache ein langes Gesicht); da habt ihr schon wieder gewonnen. Ok, ok, ok, ich will es für euch vieeel leichter machen, (schummele ich vor), ihr braucht euch jetzt nur noch zwischen zwei Entchen entscheiden, den zwei sind weniger als drei und das ist ja wohl viel leichter!“ Dabei pfeffere ich das scheinbar quietschende Entchen elegant im hoher Bogen nach hinten in die Kulisse. (Diese Situation finde ich derart köstlich und skurril, dass ich selbst immer lachen muss).

Ich reibe mir die Hände, weil ich die Lakritzschnecke nun behalten kann aber da kommt doch tatsächlich lautstarker Protest von den Kindern, weil ich ja in ihren Augen das einzige quietschende Entchen in die Kulissen warf. Ich tue unschuldig: „Ihr sagtet doch rechts – und ree –hechts , mein Finger wandert kulmulierend auf den Hut des nun rechten Entchens, „ rä-hächts ist gar kein …!“ ich drücke auf das Entchen … – und … es quietscht.

Ich bin erschüttert, blicke um mich herum als suche ich in der Ferne eine Lösung für meine doch recht Verlust anzeigende Zwangslage. Die Großen wie die Kleinen schreien vor Begeisterung. Souverän, ja irgendwie zwischen saucool und panikartig, drücke ich auf das rechte Entchen nochmal und es quietscht tatsächlich noch immer.

So als hätte ich nie etwas anderes getan ergreife ich auch dieses Entchen und pfeffere es in hohen Bogen zu seinem blöden Kumpel hinter die Kulissen. „Ich will es euch noch einfacher machen“, höre ich mich da verlauten, „denn jetzt braucht ihr euch nur zwischen einem Entchen entscheiden welches quietscht,“ erkläre ich triumphierend. In typischer Kinderlogik mit dem Brustton der Überzeugung behaupte ich wie viel einfacher es ist, sich nur zwischen einer Ente entscheiden zu dürfen. Alle haben inzwischen das Spiel durchschaut, die Kinder wissen, dass da eine Zauberei offensichtlich auf ihrer Seite ist und die Erwachsenen haben Spaß an dieser Ambivalenz auf den verschiedenen Ebenen. „Das Entchen hier wählt ihr aus? Wirklich?“, flöte ich scheinheilig, „na gut, ihr habt es so gewollt!“ – und mit genüsslichem Habitus drücke ich siegesgewiss auf das letzte Entchen und … es quietscht.

Das laute Hurra der Kinder lässt meine Mimik entgleisen. Mit einem fiesen Grinsen und dem unbeugsamen Willen, die Lakritze die Meinige bleiben zu lassen pfeffer ich das letzte Entchen auf den gleichen Weg seiner nur gebraten schmeckenden Verwandtschaft hinter die Kulissen.

Mit lieblich säuselndem Ton phantasiere ich Unbeugsamer nun von drei unsichtbaren Entchen. Dabei tue ich so, als wären die Entchen tatsächlich, halt nur unsichtbar vorhanden, deute auf jedes Einzelne und frage frech, für welches der drei sie sich denn nun entscheiden würden. „Aha, für den da, soso.“ Wieder geht mein glänzend bohrender Zeigefinger durch den Äther und tippt den genannten Unsichtbaren an … und … es quietscht!

Das Freudengeschrei der Kinder ist ekstatisch und auch die Großen klopfen sich die Schenkel. Meine Güte, da haben sie mich aber alle drangekriegt. Ich gestehe den Gewinn der Kinder unumwunden ein, gratuliere ihnen, gebe die Lakritz als Trophäe der zuständigen Erzieherin zur späteren Umverteilung und applaudiere den Kindern.

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