Und jetzt bitte: Applaus!

Von Ulrich Rausch

Bei nichts mehr als beim Applaus arbeiten Zauberer mit Tricks … Fast hätte ich diesen Artikel mit diesem plakativen Satz begonnen, denn ich habe schon Vorstellungen erlebt, wo Künstler mit bezahlten Zuschauern eine Standing Ovation provoziert haben, wo ein Künstlerpaar durch das ständige Erwähnen in der 2-Stunden-Show der „Standing Ovation“ diese letztlich herbeigeredet haben oder auf ähnlichen anderen Wegen die Zuschauer zu einem stürmischen Applaus animiert werden. Aber es gibt auch den ehrlichen, dankbaren, aus dem Herzen kommenden Applaus, so dass es ungerecht wäre hier pauschalierend zu beginnen.

Denn es geht um eine ernste und differenzierend zu beantwortende Frage: Wie ist das eigentlich mit dem Applaus bei Vorstellungen für Kinder? Anhand von 5 mal mehr, mal weniger ausführlich begründeten Thesen möchte ich hier eine Diskussion anregen und freue mich über Beiträge, Erfahrungen und Kommentare.

Applaus ist keine natürliche Reaktion!

Wenn Kinder zum ersten Mal einen Zauberer sehen, dann fällt bei der Beobachtung auf, dass sie nicht von sich aus applaudieren. Dies tun sie nur, wenn andere, zum Beispiel die Eltern vor-klatschen. Offensichtlich ist das Applaus-Spenden eine Konvention, die man erlernt und nicht die natürliche Reaktion auf eine begeisternde Präsentation.

Aus diesem Grunde gibt es bei Live-Shows und TV-Sendungen gelegentlich auch Warm-Upper, die dem Publikum „beibringen“, wie sie sich richtig zu verhalten haben. Bei Fernsehsendungen geht es darum, eine Atmosphäre zu kreieren, die sich auch in die heimischen Farbfernseh-Empfänger überträgt. Jeder, der in den ersten Monaten der Pandemie TV-Sendungen gesehen hat, die normalerweise mit Publikum aufgenommen werden, hat gemerkt, wie dröge diese Sendungen ohne Zuschauer sind. Ohne Lache, ohne Applaus kommt es zu einer Stimmung wie auf dem Hauptfriedhof – egal was gezeigt und gemacht wird. 

Aber auch bei Live Events hat der Applaus eine Funktion: Er schafft auch da einen Atmosphäre, die Zuschauer vergewissern sich gegenseitig, dass sie gerade ähnliche Gefühle haben. Und schließlich ist der Applaus auch ein „Show-Stopper“, der unterbricht und entspannt.

Applaus ist kein anzustrebendes Ziel!

Zaubere ich, damit die Kinder klatschen? Ich unterscheide zwischen Primär- und Sekundärzielen. Zu den Primärzielen, die ich versuche mit meinen Auftritten vor Kindern zu erreichen, gehört: Einen Augenblick des Staunens zu schenken. Und die natürliche Reaktion auf das Staunen ist: Mit großem Augen und Mund dasitzen. Kurz: Einfach sprachlos zu sein.

Applaus verstärkt die Empfindung der Zuschauer*innen

Oben hatte ich schon angedeutet, dass auch bei einem Live Publikum der Applaus eine Bedeutung haben kann. Zum ersten Mal ist mir dies in den 90er Jahren bei der ersten Tournee von D.C. aufgefallen. Damals war der Schlusstrick das Flying. Am Ende stand das komplette Publikum in der Festhalle, also geschätzte 5000 Menschen und spendeten Beifall. Wir waren alle der Meinung, dass wir gerade etwas Großes und Außergewöhnliches erlebt hatten. Erst viel später habe ich verstanden, dass diese Standing Ovation „inszeniert“ und nicht spontan war und eine wichtige dramaturgische Funktion am Ende der Show hatte.

Stille aushalten!

In zwei meiner Programme, sowohl dem Kinderprogramm „Der kleine Zauberer will Hof-Zauberer werden“, wie auch dem Erwachsenen-Programm „Brandstifter – ein gefährlicher Abend“ gab und gibt es nach den einzelnen Kunststücken wenig bis gar keinen Applaus. Es war für mich eine befremdliche Erfahrung, aber inzwischen weiß ich warum und halte die Stille nicht nur aus, sondern bin für diese Reaktion dankbar.

Bei dem „Brandstifter“-Programm handelt es sich um einen Erwachsenen-Programm, in dem gesellschaftliche Brandstifter auf die Bühne gebracht und mit Hilfe von eigenen Zauberkunststücken thematisiert werden. Gesellschaftlich relevante Themen wie Neonazis, sexueller Missbrauch, Bankenkrise etc. sind Themenschwerpunkte dieser 90 Minuten. Die Effekte wurden fast komplett für diesen Abend von mir neu entwickelt, sind also keine dem Publikum bekannten Zaubertricks. Die dazu gesprochenen Texte haben eher einen beschreibenden als einen belehrenden Tonfall. Die Bewertung überlasse ich den Zuschauern. Die ausgesprochenen Fakten sind teilweise sehr hart, erschreckend. Inzwischen glaube ich, dass nach den meisten Nummern eine Pause des Nachdenkens, Luftholens die angemessen Reaktion ist, und nicht ein begeisternder Applaus.

Bei dem „Kleinen Zauberer“ wird einen durchgehende, spannende Geschichte erzählt, die auf einen dramatischen Höhepunkt abzielt. Und die Kinder wollen wissen, wie es weiter geht, und ob der Zaubrer sein Traum-Ziel erreicht oder nicht. Das Interesse an der Geschichte überlagert die einzelnen Effekt – und so warten die Kinder (und ich) bis zum Schluss mit und auf den Applaus. Und das ist für mich in Ordnung so.

Und was denken die geschätzten Kolleg*innen?

3 thoughts on “Und jetzt bitte: Applaus!

  1. Kinder haben eigene Applaus“sprachen“: Ein gemeinsames Jubeln, aufgeregtes Raunen, dringende Einwürfe, mitfühlendes Stöhnen, heftiges Anfeuern, missbilligendes Kreischen oder viele Gestiken sowie Mimik, welche eine Rückmeldung über die der Vorstellung auftretenden Gefühlslagen geben können. Die Erziehung zu einem Applaus kultiviert die Affekte, obwohl Schnelligkeit, Rhythmus oder Zeitdauer auch ihre „Sprache“ sprechen können. Vielleicht ist in einem nicht kommerziellen Raum der Druck auf Applaus geringer.

  2. Vielen Dank für dieses wichtige Thema. Der „noch nicht erlernte Applaus“ ist ein sicherlich ein wesentlicher Unterschied zu den Erwachsenenprogrammen. Ich sehe es genau so: das Staunen , die poetische Stille- all das ist dem Applaus ebenbürtig. Leider sieht meist nur der/die Vorführende die erstaunten Gesichter die in Richtung Bühne blicken. Ob die Veranstalter diese Reaktionen ebenso schätzen wie klatschende Hände ? Nach meinem letzten Programm erzählten die Kinder nach zwei Wochen vor allem von einem Kunststück : einer Version des „Living Drawing Board“. Ich selbst hätte es als mittelmässig (weil wenig Reaktionen )eingeschätzt. Für die Kinder aber war dieses Kunststück so „komisch“ und „seltsam“ dass es offensichtlich in rätselhafter Erinnerung blieb. Aber schätzen auch die Veranstalter und zahlende Eltern diese Art der Reaktion ? Oder sind für sie Klatschen und Toben die Gradmesser für Erfolg beim Publikum ? Und sollten wir dem dann Rechnung tragen?

    Danke nochmal für den Artikel ,
    Viele Grüße von Bernhard Raupach

  3. Tolles Thema!
    Vieles wurde bereits gesagt, hier kurz meine ergänzende Sicht der Dinge:
    Applaus ist keine natürliche Reaktion; Stille ist nicht leicht „auszuhalten“, aber zwischendurch dennoch erstrebenswert; Applaus (Reaktion) ist definitiv für Veranstalter/Eltern/Außenstehende ein Gradmesser.
    Applaus muss man nicht unbedingt provozieren, denn diesen Part übernehmen meistens die anwesenden Erwachsenen.
    Es muss aber auch nicht immer Applaus sein, denn es gibt zum Glück auch noch andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel Humor/Lachen. Lachen ist bekanntlich sogar ansteckend (Wer beim letzten Kinderzauberfestival war, weiß was ich meine).
    Et voilà – schon habe ich meine gewünschte Reaktion!
    Was gibt es schöneres, als wenn der gesamte Saal ausflippt und vor Lachen tobt?!
    Außerdem ist das zudem noch ein ganz toller Spannungsabbau für die Kinder.
    Insofern trage ich dem sehr gerne Rechnung. 😉

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