Joro, der Kinder-Zauberer?

Quelle: www.mzvd.de

Am 06.09.2023 ist Joro, mit bürgerlichem Namen Bruno Hennig, im Alter von 95 Jahren verstorben. Joro war sicher einer der großen deutschen Zauberer des letzten Jahrhunderts und einer der kreativen Köpfe der Zauberkunst. Ich habe ihn mehrfach auf Kongressen gesehen, kannte ihn aber nicht näher persönlich. Er hat mich aber dennoch als Person und Zauberer beeindruckt. Ich verneige mich vor seiner zauberischen Lebensleistung und spreche seinen Angehörigen mein Beileid aus.

Mein persönlicher Bezug zu Joro sind insbesondere 2 Kunststücke, die ich in meinen Programmen fest integriert habe. Das ist zum einen seine Version des „2-Männer-Tricks“, die ich in meinem Erwachsenenprogramm „Geld und Liebe“ regelmäßig vorgeführt habe. Darüber mochte ich hier im Zauberzwerg – Forum nicht weiter sprechen, denn hier geht es um Zauberkunst für Kinder.

Die Geldwanderung als Kunststück für das Familienprogramm

Im Kinderprogramm spiele ich seit Jahrzehnten „Joros große Geldwanderung“. Ich liebe dieses Kunststück, weil es genial einfach vorzuführen ist, eine unglaublich starke Wirkung auf das Publikum hat und ich ein kleines Kind auf die Bühne holen kann. Es muss nur einen Beutel festhalten können und steht dennoch am Ende der Vorführung als Star auf der Bühne.

Es ist ein Kunststück, das eigentlich für ein Erwachsenenprogramm erdacht wurden, aber auch wunderbar ins Kinderprogramm passt. Also geeignet ist für das Familienprogramm, das ich ja gerade in einer Serie hier im Blog thematisiere. Auch wenn der Text etwas lang ist, möchte ich die Beschreibung aus meinem Buch „Zauber?Kinder“ hier leicht gekürzt darstellen.

Joro hat es verdient.

Joros grandiose Geldwanderung

Effekt:

Die Requisiten zur Geldwanderung

Der Zauberkünstler gibt einem Kind einen leeren Beutel zum Halten. In eine Dessertschüssel aus Glas wirft er deutlich sichtbar 6 Münzen, die er dann in den leeren Beutel schüttet. In einen zweiten, deutlich leer gezeigten Beutel wird ein leeres Glas gestellt. Diesen Beutel hält der Künstler. Zauberer und Zauberkind fassen sich mit der freien Hand an, und eine Münze wandert auf Kommando des Kindes aus dessen Beutel in den des Zauberkünstlers. Es ist deutlich zu hören, wie die Münze ins Glas fällt. Das wird noch einmal wiederholt, ehe die Beutel kontrolliert werden. In dem des Kindes sind nur noch vier Münzen, in dem des Zauberers dagegen die 2 fehlenden.

Benötigte Requisiten:
Das Händlerkunststück „Joros grandiose Geldwanderung“ (Erhältlich nur bei Kellerhof in Bonn, www.zauber-kellerhof.de – und selbst dort war es eine Weile nicht zu erhalten)

Vorbereitung:
Eine minimale, die keinerlei Geschick erfordert

Vorführung, Vortrag und Kommentare

Da es sich hier um ein kommerzielles Kunststück mit entsprechenden Spezialrequisiten handelt, gehe ich auf die Tricktechnik nicht genauer ein. Ich werde den Ablauf des Kunststückes schildern und dabei wie bisher den Schwerpunkt auf den Umgang mit dem Zauberkind und dem Publikum legen und darstellen, warum dieses Kunststück in meinen Augen gut in ein Kinderprogramm passt. Ich kann dieses Kunststück nur empfehlen und halte den Kaufpreis von ca. 45 € für absolut angemessen für dieses Kleinod der Zauberkunst. Eigenbau wäre auch nicht viel preiswerter.

Ich wähle mir ein Zauberkind aus, wobei ich bei diesem Kunststück darauf achte, dass es ein jüngeres ist. Das ist nicht für das Kunststück wichtig, aber es bietet sich hier an, weil an das Zauberkind keine hohen Anforderungen gestellt werden, aber ein großartiger Effekt geboten wird. Man kann also sehr gut ein kleines Kind auf die Bühne holen.

Ich gebe Tim den leeren Beutel und bitte ihn nachzusehen, ob darin vielleicht ein „rotes Männchen“ ist. Ist es nicht, wie mir versichert wird. „Ach ja, das hat ja Urlaub. Das ist in Spananien.“ Dieses Wort und das rote Männchen ziehen sich als „running gag“ durch die nächsten beiden Kunststücke, ohne dass sie irgendeine besondere Bewandtnis haben. Es ist einfach eine neue, andere Form von Spaß, die witzige Reaktionen der Kinder provoziert. An das Publikum gewandt, nehme ich die Glasschüssel auf und zeige, dass sie leer ist: „Und ich habe hier auch noch eine Puddingschüssel. Die habe ich immer dabei, wenn ich mit Kindern zaubere. Kann ja sein, dass es noch Eis oder Pudding gibt. Dann hab ich wenigstens meine Schüssel dabei…“ Kinder lieben kleine Geschichten, die an der Grenze der Wahrheit liegen. „Da es aber jetzt scheinbar nichts gibt, werden wir etwas anderes hineinlegen. (Ich nehme 6 Münzen auf – keine Euro – und werde sie gleich nacheinander in die Schüssel werfen.) Ich habe hier nämlich echtes Falschgeld! (Dieser Ausdruck führt zu Spaß oder Verwirrung, daher muss er zunächst mit dem Zauberkind aufgeklärt werden – es bestätigt, dass ich Münzen habe) Bitte zählt genau mit, wie viele ich in die Schüssel werfe. Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs.“ Deutlich zeige ich jetzt, dass die Hand leer ist. Manchmal machen sich Kinder einen Spaß daraus, noch weiter zu zählen. Da das bei diesem Kunststück zu Verwirrung führen wird, beginne ich dann eben von vorne und dirigiere etwas deutlicher den Zählvorgang, damit er wirklich bei 6 aufhört.

„Sechs Geld!“

„Gut, Merkt euch bitte: Sechs Geld. Nicht vergessen!“ Der Ausdruck „sechs Geld“ (wie vorher schon „echtes Falschgeld“) löst immer Heiterkeit aus – Kinder lieben es, wenn der Zauberer etwas nicht richtig sagen kann. Außerdem möchte ich nicht das Wort Euro benutzen (und benutze auch keine Euro-Stücke), weil das bei manchen Kindern Gier danach auslösen und so von der Vorführung ablenken könnte, und das zutreffende Wort „Münzen“ finde ich zu nüchtern. Also „sechs Geld“ – das verstehen alle.

Zu Tim gewandt sage ich: „Wir werden die sechs Geld jetzt in deinen Beutel schütten. Mach bitte den Beutel auf, und wenn alles drin ist, bitte blitzschnell schließen, damit niemand daran kommt.“ Erst dann schütte ich die Münzen in den Beutel. Tim schließt schnell den Beutel („Oh, willst Du später Bankdirektor werden?“), hält ihn gut fest und gibt ihn bis zum Ende der Routine auch nicht mehr aus der Hand.

Ich zeige Tim jetzt den zweiten leeren Beutel, wieder mit der Aufforderung: „Guck mal nach, ob da das rote Männchen drin ist.“ – „Nein!“ – „Nein, kann ja auch nicht, das hat ja Urlaub und ist in Spananien!“ Kinder lieben Wiederholungen. Ich zeige das leere Glas und bitte wieder: „Guck mal nach, ob da das rote Männchen drin ist.“ Da bei einem Glas offensichtlich ist, wenn es leer ist, wird jetzt oft schon wieder etwas über diesen schusseligen Zauberer gelacht. Manchmal kriege ich auch die mehr oder weniger vorwurfsvolle Antwort: „Nein, das ist doch in Spanien!“, worauf ich einfach „Ach ja!“ antworte.

Die Münzen wandern: „Hopp!“

Jedenfalls ist nun alles leer gezeigt worden und ich stelle das leere Glas in den leeren Beutel, was ich auch mit genau diesen Worten kommentiere. Den Beutel halte ich ab jetzt mit spitzen Fingern der rechten Hand hoch. Genug der Vorrede, jetzt kommen wir zum Kunststück, das Tim zelebrieren wird. Vorher leisten wir uns noch einen kleinen Scherz, indem ich ihn frage: „Du weißt doch noch, was wir gestern geübt haben?“ Er guckt erstaunt (da wir natürlich nicht gemeinsam geübt haben) und sagt „Nein!“ oder „Wir haben doch gar nicht geübt!“ Ich antworte erschrocken: „Oh, dann war das wohl jemand anders. Na ja, egal, aber heute machst du das Kunststück für uns. Du kannst das. Okay?!“

Und jetzt sind alle Späße beendet, denn nun folgt der Clou des Kunststücks, und das Wunder kann nur messerscharf und eindeutig wahrgenommen werden, wenn die Kinder (und auch die Erwachsenen) nicht mehr durch Späße und Lachen abgelenkt werden. Das gilt übrigens für jedes Kunststück: Alles hat seine Zeit – mal der Spaß, mal das konzentrierte Zaubern.

Für die Ausführung des Kunststücks bitte ich Tim, seinen Beutel in die linke Hand zu nehmen und mir seine rechte zu geben. Ich ergreife die mit meiner linken und habe in meiner rechten den zweiten Beutel. Eine Geldmünze wird nun aus Tims Beutel in meinen Beutel wandern.
Ohne eine Reaktion von Tim auf meine letzte Frage abzuwarten, beginne ich jetzt mit großem Pathos die Ansage des Kunststückes. „Der weltberühmte Tim wird euch jetzt das Riesenkunststück zeigen, wie eine Münze aus seinem Beutel in meinen Beutel wandert! Das ist unglaublich, oder? Tim, fang an!“ Manche Kinder machen dann einfach eine magische Bewegung. Wenn Tim nicht weiß, was er machen soll oder sogar fragt „Wie denn?“, sage ich: „Einfach der Münze sagen, sie soll sich jetzt bitte mal gefälligst blitzschnell auf den Weg machen aus deinem Beutel in den anderen Beutel in meiner Hand.“ Da der Satz zu lang ist, guckt Tim mich verständnislos an. Ich erleichtere daher die Anweisung: „Oder du sagst einfach „Los jetzt“ oder „Hopp!“!“

Die Geldwanderung

In dieser Sequenz ist es wieder wichtig, das Spiel mit dem Zauberkind sehr genau im Auge zu behalten. Es wird hier bewusst ein wenig verunsichert, und das ist auf einer Zauberbühne nicht angenehm, wenn er sich nicht sicher aufgehoben fühlt. Dass er nicht weiß, was er tun soll, ist für ihn in Ordnung – kein Zuschauer weiß das. Es muss aber immer schnell nach einem Scherz die richtige Lösung für Tim kommen, um ihn nicht bloß zu stellen. Ich versuche das so zu gestalten, dass er aus zwei Möglichkeiten die richtige auswählt. Und das gelingt auf alle Fälle, weil beide richtig sind. Egal, was er sagt oder tut – das Kunststück wird gelingen. Zugleich halte ich diese Szenen sehr kurz, so dass ganz schnell nach einer leichten Verunsicherung der gelungene starke Effekt folgt. Aber ich sage es noch einmal: Diese kurzen Sequenzen sind für die Auflockerung und den Spaß der Vorstellung zwar sehr förderlich, aber sie setzen auch Fingerspitzengefühl des Künstlers, Menschenkenntnis und gutes Beobachtungsvermögen voraus, um das mitzaubernde Kind nicht in eine unangenehme Situation zu bringen. Kinderseelen sind sehr empfindlich.

Tim entscheidet sich für irgendeine der kurzen Varianten und sagt: „Los jetzt“. Ich nehme sofort Körperspannung an und kommentiere: „Und schon könnt ihr genau sehen, wie die Münze aus Tims Beutel krabbelt, über Tims linken Arm läuft, über seine Schulter klettert, den rechten Arm herunterrennt, durch meinen linken Ärmel schleicht, über meine Schulter flitzt, den rechten Arm herunterrutscht…“ – kurze Spannungspause – „…und wenn ihr ganz leise seid, dann könnt ihr genau hören, wie die Münze in meinem Beutel ins Glas fällt.“ (Ich benutze jetzt das Wort Münze, um nicht mit einem lustigen Wort vom Effekt abzulenken.)

Erst wenn ich das komplett gesagt habe und alles erwartungsvoll lauscht, lasse ich eine Münze in das Glas klimpern. Das ist absolut unerklärlich, weil ich den Beutel von außen umfasse und keine Handbewegung mache. (Die geniale Technik ist im Beutel, und die nötige Fingerbewegung so minimal, dass sie nicht zu erkennen ist…) Die Kinder und auch die Erwachsenen sind nach diesem Effekt wirklich sprachlos!

Münze #2 wandert

Dafür rede ich weiter, als hätten wir gerade das leichteste Kunststück der Welt gemacht: „Klasse, Tim! Das war super. Das machen wir gleich noch einmal! Schick bitte noch eine Münze los.“ Obwohl Tim natürlich keine Ahnung hat, wie das Kunststück funktioniert hat, ist er jetzt mutig – er glaubt wirklich, dass er das veranlasst hat – und sagt ohne zu zögern erneut: „Los jetzt!“ Wieder nehme ich Spannung an und kommentiere den gleichen Ablauf wie vorher. Wichtig dabei ist die richtige Dramatik aufkommen zu lassen, indem Betonung und Sprachtempo wechseln. „…und dann könnt ihr genau hören, wie die Münze in meinem Beutel in das Glas fällt!“ – Wichtig: Kurze Spannungspause, Ruhe im Publikum -, dann: „Plingeling!“ Die Münze ist zu hören, wieder unerklärlich ohne jede Bewegung.

Die Münze wandert

Bevor die Kinder das Gleiche noch einmal sehen wollen (was auf Grund der Tricktechnik nicht geht), beende ich die Zauberphase, indem ich sage: „Das müssen wir sofort kontrollieren.“ Diese jetzt folgende letzte Phase des Kunststückes muss sehr langsam und deutlich erfolgen, damit alle Kinder sie verfolgen können. Wir treten jetzt den Beweis an, dass wirklich zwei Münzen gewandert sind und nicht nur Geräusche gemacht wurden.

Ich wende mich an das Publikum: „Wie viele Geldstücke müssen jetzt in meinem Beutel sein?“ Die meisten Kinder sagen richtig: „Zwei!“ Ich halte meinen Beutel zu Tim und bitte ihn, ganz vorsichtig das Glas aus dem Beutel zu nehmen. „Und dann schrei bitte durch ganz Bremerhaven, wie viele Münzen darin liegen.“ Er ruft laut: „Zwei!“

Strahlend an das Publikum gerichtet frage ich: „Jetzt kommt die Frage für gute Rechner: In Tims Beutel waren 6 Geldmünzen, zwei haben wir in meinen Beutel gezaubert. Wie viel sind noch in seinem Beutel?“ Diese Textaufgabe muss sehr einfach und klar formuliert werden, insbesondere, wenn die Kinder jünger sind. Als Antwort ist trotzdem alles von eins bis sechs möglich. Egal, was geantwortet wird: wenn es stimmt – weitermachen, wenn es nicht stimmt – ruhig bleiben. Rechnen wir eben noch einmal und ich nehme dabei meine Finger zu Hilfe, indem ich sechs zeige und dann zwei wegnehme – bleiben 4. Erst wenn wir uns alle definitiv einig sind, dass vier Münzen im Beutel sein müssen, fahre ich in der Routine fort.

Kontrolle ist besser

Auch jetzt müssen die Anweisungen an Tim sehr klar und eindeutig sein, damit keinerlei Manipulation unterstellt werden kann (die an dieser Stelle auch wirklich nicht erfolgt). „Nimm jetzt bitte aus deinem Beutel alle Münzen raus, die du darin findest.“ Das dauert bei jüngeren Kindern etwas länger, aber irgendwann ist er fertig. Vorsichtshalber frage ich nach: „Sind wirklich alle Münzen raus?“ Das bestätigt er und ich nehme den Beutel, um ihn wegzulegen. „Und jetzt wirf die Münzen bitte einzeln nacheinander in das Glas, damit wir zählen können, ob es wirklich nur noch vier sind!“ Tim hat das natürlich schon längst überprüft, mir ist es aber wichtig, diese Tatsache jetzt dem ganzen Publikum deutlich zu machen. Also wird vorgezählt und es ist kein Zweifel möglich: „Eins – zwei – drei – vier! Super, es hat geklappt. Riesenapplaus für den weltberühmten Tim!“ Im Applaus geleite ich Tim zur Bühnenkante. Und applaudiere mit.

Abschließende Bemerkungen

Dieses Kunststück, das wie bereits erwähnt durch seine diabolisch geniale Technik so gut wie keine technischen Ansprüche an den Vorführenden stellt, lebt von seinem „Verkauf“ und bietet viele Möglichkeiten zu kleinen Gags zwischendurch. Außerdem eignet es sich meiner Meinung nach hervorragend dazu, auch jüngere oder zurückhaltende Kinder in eine Vorstellung einzubeziehen, da das Zauberkind nur einen Beutel halten und am Ende das Geld daraus hervorholen muss. Die Zählarbeit macht ja immer das Publikum, so kann es nichts falsch machen.

Der Effekt hingegen ist unglaublich stark, auf dieses Kunststück werde ich sehr häufig nach den Vorstellungen angesprochen.

One thought on “Joro, der Kinder-Zauberer?

  1. Vielen Dank für‘s Teilen, lieber Volkmar!

    Deine detailreiche Schilderung mit den guten Gags macht richtig Lust darauf, dieses wirklich tolle Kunststück auch einmal vor bzw. mit Kindern zu spielen!

    Zauberhafte Grüße,
    Jan

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