Wenn der Aufsitzer nicht sitzt

Gastbeitrag von Ulrich Rausch

Zum Umgang mit einer „schwierigen“ Situation

Würfelkasten, Mond auf Reisen, Schnurstäbe, Wandernde Hasen oder auch Elefanten, Dinos etc, Elefanta – diese und viele andere Aufsitzer-Kunststücke sind auch bei Kinder-Zauberkünstler*innen beliebt. Denn Sie bringen richtige Action, die Kinder werden alle aktiv einbezogen, indem sie auf Fehler hinweisen, meinen den Trick durchschaut zu haben etc., und am Ende gibt es dann doch die große zauberhafte Überraschung! Und man muss nicht viel üben – aber Kinderzauberer üben ja eigentlich sehr gerne und ausdauernd!

Aber zwei Probleme gibt es in meinen Augen mit solchen Aufsitzern. Das eine: Wie häufig kann man sie in einem Programm einsetzen. Das andere: Was macht man, wenn die Kinder nicht reagieren? Auf das erste mag ich nur ganz kurz eingehen, das zweite etwas ausführlicher beleuchten.

Ich kenne Kinder-Programme, die fast ausschließlich aus Aufsitzern bestehen. Meine Bedenken sind:  Zauberkunst besteht aus mehr als nur aus Aufsitzer-Effekten. Im Prinzip ist es ja – trotz unterschiedlicher Requisiten – immer das Gleiche: Es sind immer Effekte auf einem hohen Erregungszustand der Zuseher*innen, gerade bei einem längeren Programm fehlen Entspannungs-Momente. Und Zaubern wird zu einem (Wett-)Kampf zwischen Künstler*in und Zuseher*innen degradiert. Und ich persönlich möchte nicht in einen Kampf mit den Kindern eintreten, sondern mit ihnen zusammen etwas erleben.

Ich habe auch schon bei eigenen Vorstellungen erlebt, dass Kinder nicht so reagieren, wie es für den Verlauf des Kunststückes notwendig gewesen wäre: Sie wiesen nicht auf den Fehler hin, sie zeigen nicht, dass sie wissen, wie es geht etc. Kurz: Sie bleiben stumm. Was tun?

Problemanalyse

Die Kinder wissen nicht, dass sie intervenieren dürfen. Dass es Teil des Spiels ist, dass sie in Interaktion treten sollen. Vielleicht sind sie ja noch kurz vorher von den Eltern/Lehrern instruiert worden, dass sie brav sein sollen. Und so sind sie ganz einfach brav.

Die Kinder glauben, dass es ein wirklicher Fehler ist, und sie wollen den/die Künstler*in nicht bloßstellen. Das ist sehr nett, aber in diesem Fall leider falsch.

Die Kinder bekommen den „Fehler“, zum Beispiel das heimliche Umdrehen des Hasen, gar nicht mit.

Ein Kind will nicht allein etwas hereinrufen, weil es Angst hat, sich in der Gruppe besonders zu exponieren. Gerade wenn nur wenige Kinder anwesend sind, kann es passieren, dass sich keines traut. Aber in großen Gruppen ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ein oder mehrere vorlaute Kinder dabei sind, größer. Und mit denen kann ich dann spielen. Wenn aber diese kritische Menge nicht erreicht wird, dann kann es sehr still werden.

Prävention

Die einfachste vorbeugende Maßnahme besteht darin, den Kindern von Anfang an zu erklären, wie die Vorstellung zu einem gemeinsamen Erlebnis wird. Kurz gesagt: Sie bekommen die ausdrückliche Erlaubnis etwas zu sagen. Natürlich kann man dies sagen, aber zeigen ist der viel bessere und wirksamere Weg. Ich habe zu Beginn des Programms immer einen „Test“ mit den Zuschauer*innen gemacht, um zu entscheiden, ob ich die leichten Kunststücke nehmen kann oder die schweren nehmen muss. Im Rahmen des Test-Set ups habe ich dann immer die Möglichkeit nachzujustieren, wenn die Kinder mir zurückhaltend erscheinen. „Das ist ein Test mit ALLEN Zuschauern!“, „Auch die Erwachsenen werden getestet…“, so oder ähnlich bringe ich mein Publikum auf Betriebstemperatur, mit der ich dann später arbeiten kann. Die Kinder haben dann erlebt, wie das bei mir geht, dass sie ausdrücklich die Erlaubnis haben mitzusprechen und dass wir so zusammen Spaß haben können.

Akute-Intervention

Und wenn trotzdem die Reaktionen ausbleiben oder sehr schwach sind: Ich bin vorbereitet! Zum einen habe ich mir überlegt, was ich dann tun kann, zum anderen habe ich einen weißen gefalteten Zettel in der Tasche. Dieser Zettel kann übrigens auf unterschiedliche Weise eingesetzt werden. In diesem Fall sage ich, dass ich kurz mal nachschauen muss, was in der Gebrauchsanleitung steht, wie es weiter geht. Und dann lese ich vor: „Die Kinder rufen…“ Und lese vor, was ich gerade brauche und stecke den Zettel weg und warte. Meist nicht sehr lange. Durch die angebliche Gebrauchsanweisung bekommen die Kinder die ausdrückliche Erlaubnis mitzumachen, sie wissen, dass dies ihr Teil des Kunststücks ist. Und wenn das nichts nützt (was bisher noch nie passiert ist), nehme ich den Zettel noch einmal heraus und lese noch mal „Die Kinder rufen…“, falte ihn auf und lese weiter „..auch die Kinder in XXX“ und nenne dann die Stadt, den Veranstaltungsort oder was auch immer geeignet ist, um deutlich zu machen, dass sie diese Erlaubnis bekommen haben.

Risiken und Nebenwirkungen

Natürlich ist das „Anheizen“ nicht ganz risikolos, denn die Kinder könnten dann auch bei dem ganzen übrigen Programm mitreden sollen. Und bei einer Münz-Manipulation oder wenn ich ein Zaubermärchen vortrage, will ich keine Zwischenrufe. Aber das ist ein anderes Thema, dass ich später behandeln werde.

(Der Artikel ist der ein Auszug aus dem Buch „ Kinder – Zauber – Kunst“ von Ulrich Rausch, das voraussichtlich 2023 erscheinen wird.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.