Norm Nielsen ist tot

Ein persönlicher Nachruf von Ulrich Rausch

Jeder Zauberer hat Schlüsselmomente in seinem Leben, an die er sich noch Jahrzehnte später erinnert, von denen ihm vielleicht erst später bewusst wird, dass dies solche Augenblicke sind.

Quelle: youtube.com

Für mich ist ein solcher verbunden mit der Revue „ZauberZauber“, die in Deutschland durch Veranstaltungshäuser tourte, und dem Namen Norm Nielsen (18. Februar 1934  – 21. April 2020).  

In der Kulisse von Hellers „Flic Flac“ war 1987 eine internationale Gruppe von Zauberkünstlern in Deutschland unterwegs. Norm Nielsen war einer von ihnen. Und als wäre es erst heute, kann ich mich noch sehr genau an die Nummer erinnern. Und ich würde heute, 33 Jahre später, sie sicher mit der gleichen Freude, der gleichen Verzauberung sehen können wie damals. Das Originelle für ihn war die Kombination von Zauberkunst und Musik. Den meisten, die sich an ihn erinnern, kommt die „Schwebende Geige“ in den Sinn, und sie fügen meistens hinzu, seine Form der Zombie-Kugel. Aber wenn man sich nur diesen Ausschnitt ansieht, merkt man, das es mehr als eine Zombie ist, er etwas ganz Eigenes daraus geschaffen hat: einen Dialog des Künstlers mit der etwas widerspenstigen Geige, die musizieren will, und selbst dann, wenn der Bogen weggenommen wird, noch Musik macht.

Und auch das Schweben wird nicht als Schwebeeffekt eingeführt, sondern es ist zu Beginn das Balancieren der Geige auf dem Arm, dann auf der Tuchkante und dann beginnt die Geige das Eigenleben zu entfalten, bis sie schließlich verschwindet. Die Violine als eigene Persönlichkeit wird bis zum Ende der Nummer durchgehalten, wenn die Geige zum Schlussapplaus von der Seite hereinkommt und sich verneigt. (Hier auf youtube zu sehen.)

Neben seiner ausgezeichneten Kartenmanipulation (hier zu sehen) hatte Norm Nielsen noch weitere Musik-Effekte in seinem Programm: Er beginnt mit einer verschwindenden Querflöte, die erscheinenden Münzen erzeugen eine harmonische Melodie, wenn sie in der Coin Ladder herunter rutschen. Und – ganz selten gezeigt – er hatte auch noch einen schwebenden weißen Flügel.

Mit der Geige und dem Flügel hat er es auch auf das Plakat  von „ZauberZauber“ geschafft und bis heute werden Teile dieser Motive weiter auf Plakaten verwendet, auch wenn Norm Nielsen gar nicht dabei ist. Jetzt muss man schon sagen: gar nicht mehr dabei sein kann.

In meiner Plakatsammlung findet sich neben Original „ZauberZauber“ Plakaten ein Plakat, was eindeutig – in meinen Augen – eine schlechte Kopie des Originals darstellt. Aber offensichtlich war dieses Plakat aus den 80er Jahren so stilprägend, dass man sich gerne daran weiter bedient. Selbst bei der letzten Wintergarten Produktion in Berlin, die bis Februar 2020 lief, ist auf dem Plakat die Geige zu sehen.

Plakate waren – was ich erst viel später erfuhr – seine zweite große Leidenschaft und auch Profession. Sowohl als Sammler wie auch als Händler von historisch wertvollen Plakaten hatte er einen sehr guten Namen, und wenn man Fotos von ihm und seiner Sammlung sieht, dann denkt man bei jedem einzelnen Plakat: „Wow! Was würde ich nur darum geben, diese Sammlung ein einziges Mal im Original sehen zu dürfen!“ An Besitzen will ich da erst gar nicht denken.

Aber auch für den kleinen Geldbeutel hatte Norm Nielsen eigene und fremde Produkte im Verkauf. Zum Beispiel seine Manipulationskarten.

In jeder meiner Kindervorstellungen ist Norm Nielsen präsent: Ab heute immer als kleiner Gedenkmoment. Der „Chop Tea Cup“ stammt von ihm. Es ist einen kleine chinesische Porzellanschale mit einem roten Holzball. Der Moment, in dem der Ball unter der Schale erscheint, ist für die Zuschauer hörbar: Man bewegt leicht die umgedrehte Schale auf dem Tisch hin und her und auf einmal hört man, wie die Holzkugel an das Porzellan stößt. Es ist immer ein kurzer wunderbarer Moment, wenn man den Kindern sagt, dass man hören kann, wie die Kugel erscheint, wenn alle ganz leise sind. Und es sind dann alle ganz leise um es hören zu können.

Genauso leise und schweigsam, wie ich es jetzt bin, wenn ich an Norm Nielsen denke.

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