Respekt und No go

Aus dem youtube-Video auf Magic-Factory Seite

Im Artikel „10 Fragen an BeLu“ gab es einen Link zu dem Kunststück „Princess in a pickle“ auf der Homepage der Magic-Factory. Dort ist ein youtube-Video von silly billy magic, dem Hersteller des Kunststücks, zu sehen, das zu Empörung führte. Denn David Kaye behandelt darin zwei Kinder sehr übergriffig, indem er handgreiflich versucht sie zu einem Hochzeitskuss zu zwingen. Er meinte wohl, das wäre noch lustig und ein Spaß – aber ich finde – wie die Kommentatoren unter dem Artikel – , dass so ein Verhalten überhaupt nicht geht. Das ist kein Spaß mehr, schon gar nicht für vorpubertierende Kindern, die auf der Showbühne eine Liebesszene mit Kuss spielen sollen. Das ist Gewalt gegen Kinder.

Was wieder einmal zu der Frage führt: Wie müssen wir Kinder in unserer Zaubervorstellung behandeln und wo beginnt „No go!“ ?

Die Antwort ist ganz einfach: Wir müssen Kinder mit genau dem Respekt behandelt, den wir auch für uns selbst und andere Erwachsene in Anspruch nehmen – und alles, was darüber hinaus geht ist ein „No go“. Und wir müssen dazu bedenken, dass Kinder noch deutlich empfindlicher sind als Erwachsene. Kinder arbeiten noch am Aufbau ihres Selbstvertrauens, und gerade in der (Vor-) Pubertät sind die Selbstzweifel am größten, wie sie von ihrer Umwelt wahrgenommen werden. Da ist solch eine seelische Vergewaltigung, wie sie Kaye im Video vornimmt, pures Gift für die kindliche Entwicklung.

Möchtest du auf der Bühne dazu genötigt werden, eine fremde Frau zu küssen? Ich nicht. Ich finde solch ein Verhalten respektlos und würde mich dementsprechend wehren. Kinder haben es schwerer, sich gegen Erwachsene zu wehren, daher müssen sie besonders geschützt werden. Insbesondere in öffentlichen Situationen.

Was ist Respekt?

Respekt drückt die Achtung oder Wertschätzung gegenüber einem Menschen aus und zu akzeptieren, dass er selbst bestimmen darf, was er möchte und was nicht. David Kaye hätte den Jungen und das Mädchen Fragen können: „Wollt ihr euch jetzt küssen?“ Selbstverständlich hätten sie mit „Iiiiih!“ und „Nein!“ geantwortet und das wäre dann zu akzeptieren gewesen, aber immerhin ein noch erträglicher (schlechter) Spaß gewesen. Aber sie handgreiflich zwingen? No go! Never!

Weitere No go

In einem anderen Video habe ich kürzlich die Aufzeichnung einer Kinder-Zaubershow eines profilierten deutschen Zauberkünstlers gesehen und auch dort dachte ich, ich sehe nicht richtig. Das Kind auf der Bühne hatte seine Aufgabe erfüllt und wurde verabschiedet – mit einem Klaps auf den Po! Ebenfalls ein absolutes No go. Was würdest du sagen, wenn ein Zauberkünstler dir auf der Bühne auf den Hintern schlägt?

Ich gehe nicht so weit wie andere zu sagen, Körperkontakt mit Kindern auf der Bühne ist absolut tabu. Manche Kinder suchen ihn, und manche Kinder brauchen ihn sogar – aber mit Respekt. So kann ich ein Kind mit „High 5“ begrüßen und verabschieden, ihm anerkennend auf die Schultern klopfen oder mit einem Griff an die Schultern an die richtige Stelle auf der Bühne stellen. Bei allen weiteren Kontaktstellen wird es dann allerdings schon grenzwertig oder verboten.

Ausgesprochen respektvoll muss ich auch Kinder behandeln, die ich zu mir auf die Bühne bitte. Sie müssen dann dort auch wirklich eine Aufgabe haben und zum Star der Vorführung werden. Ich muss ihnen eine Hauptrolle zukommen lassen. In dem erwähnten Video war das nicht der Fall, sie waren „Dekoration“ oder „Requisitenhalter“: In einer Ringspiel-Vorführung z.B. hielt ein Kind die 3er-verketteten Ringe mit dem lapidaren Satz, sie schon mal auseinander zu zaubern. Mit Verlaub: Damit kann sich das Kind nur blamieren, weil das eben schlicht nicht lösbar ist, egal, was es tut. No go! Und weil der „Gag“ so schlecht war, erhielt das Mädchen die gleiche Aufgabe für die 2er Kette und der große Zaubermeister hat schließlich gezeigt, wie es geht…

In einer anderen Szene wurde das Clippo – Papierschneiden vorgeführt. Das Kind hatte nur die Aufgabe, den „Chinesenhut“ umgedreht zu halten, damit der Künstler die abgeschnittenen Papierschnipsel da hineinfallen lassen kann. Dafür hätte auch ein Papierkorb genügt. Respektlos dem Kind gegenüber und No go!

Hut aufsetzen?

Kindern auf der Bühne Hüte aufzusetzen scheint automatisch erlaubt zu sein, gerne auch mal einen, der drei Nummern zu groß ist und dem Kind über das Gesicht rutscht. Toller Gag – aber leider auf Kosten des Kindes. Daher: Respektlos und No go!

Einen Hut aufsetzen akzeptiere ich gerade noch, wenn vorher das Kind gefragt wird, ob es ihn aufsetzen möchte.  Und in Corona Zeiten ist auch endlich einigen hoffentlich bewusst geworden, dass man auch Hüte mal desinfizieren oder waschen sollte. Oder möchtest du rein aus Spaß in aller Öffentlichkeit einen witzigen (??) Hut aufsetzen, den vor dir schon 32 anderen Menschen aufhatten?

Kinder können denken und reden!

Respekt Kindern gegenüber scheint nach wie vor irgendwie schwierig zu sein… Dabei ist es eigentlich ganz leicht, mit Kindern angemessen umzugehen, denn Kinder sind generell hilfsbereit, freundlich, ehrlich, begeisterungsfähig, verständnisvoll und nicht nachtragend. Du musst auf der Bühne das Kind einfach nur fragen, was es will und was du darfst. Und dich daran halten, was es antwortet.

Zu guter Letzt hilft immer noch das alte Sprichwort: Was du nicht willst, dass man’s dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Und schon gar nicht einem wehrlosen Kind!

Fortsetzung und Diskussion über den Artikel ausdrücklich erwünscht! 🙂

6 thoughts on “Respekt und No go

  1. Vier Bemerkungen zu den NO GOs.

    Für mich beginnt das schlechte Verhalten des Künstlers schon viel früher in der Video-Sequenz: Nämlich als er dem Mädchen das Tuch vorhalten will und das Kind deutlich zum Ausdruck bringt, dass es das nicht will. Und es wird gezwungen das Tuch zu halten. Darf man sich da einfach über den ausgedrückten Willen hinweg setzen, mit Gewalt eine*n „Mitspieler*in“ zu etwas zwingen? Ich bin der Meinung: Nein!
    Natürlich suchen manche Kinder immer wieder auch die körperliche Nähe zu den Lehrern, Zauberkünstlern etc. Aber ich bin als Zauberkünstler weder der Vater, die Mutter oder jemand ähnliches, der dieses Bedürfnis erfüllen darf. Im Gegenteil: mir ist es wichtig, dass Kinder auch ein Rollenverständnis bekommen, um zu lernen, welches Erwachsenen-Verhalten möglich und welches schon übergriffig wäre. Sie sollen bei mir auch beispielhaft sehen, was normal ist, und was nicht mehr normal ist. Der große Zauberer darf nicht alles!
    Ich glaube, dass man Kinder gar nicht anfassen muss. Wenn man nicht in der Lage ist, jedem Kinde mit Worten klar zu machen was man von ihm möchte, dann ist man in diesem Job falsch. Hand geben – okay auch wenn im Augenblick eher nicht, dem Kind etwas in die Hand legen – okay. Aber das war es dann auch schon. Und wenn man ein Kind meint anfassen zu müssen – aus mir unverständlichen Gründen -, dann gibt es Körperzonen, die absolutes Tabu sind.
    Die Idee, Kinder mindestens genauso respektvoll zu behandeln wie Erwachsenen ist nett. Aber wie oft sehe ich Zauberer, die Erwachsene im Publikum nicht respektvoll behandeln: Tücher in der Ausschnitt stopfen, schlüpfrige Witze, rassistische oder sexistische Witze, bis hin zu dem pubertären Kuss-„Gag“, bei dem man eine Zuschauerin zum Abschied um einen Kuss auf die Wange bittet, und dann schnell den Kopf dreht. Ich hoffe nicht, das dieses Verhalten ein Maßstab für unser Verhalten mit Kindern ist.

  2. Ich hatte das Video im betreffenden Artikel bereits kommentiert, möchte die Gelegenheit aber gerne noch zu zwei ergänzenden Anmerkungen nutzen.
    1.
    Ich stelle mir zudem die Frage, warum von den anwesenden Erwachsenen niemand (verbal) eingeschritten ist?
    Stattdessen finden scheinbar alle lustig, was da auf der Bühne passiert.
    OK, in England ist alles ein wenig anders, aber wenn man sich das Video mal genau anschaut, dann gibt Silly Billy (leider) auch nicht auf. Warum?
    Stattdessen versucht er in mehreren weiteren Anläufen und mit vehementem Nachdruck und starker(!) körperlicher Gewalt, gegen den (erheblichen) Widerstand der beiden Kinder, dennoch sein „Ziel“ zu erreichen.
    Selbst wenn die betreffenden Eltern nicht anwesend waren, warum haben alle anderen Erwachsenen gelacht, anstatt deutlich zu sagen: „Stopp – Lass mal gut sein!“
    Warum?

    2.
    Ich möchte auch den Kommentar von Ulrich Rausch bezüglich des Hutes noch einmal aufgreifen.
    Ich habe vom Verkleiden der Kinder (Umhang etc.) auf der Bühne noch nie viel gehalten, aber bei der Vorführung der wirklich hervorragenden Routine „Arabisches Wasser“ von Michael Sondermeyer, habe ich dem Kind früher immer einen Fez (arabische Kopfbedeckung) aufgesetzt. Das hat auch nie jemand als schlimm empfunden. Das war einfach so. In der damaligen Beschreibung von Michael Sondermeyer wird übrigens eine „Kufiya“, besser bekannt als „Palestinensertuch“, verwendet.
    Vor gut 10 Jahren habe ich mir dann aber mal Gedanken dazu gemacht und bin zu dem Entschluss gekommen, es einfach nicht mehr zu tun. Und… es tut der Routine absolut keinen Abbruch, es nicht zu tun. Mit anderen Worten: Es interessiert eigentlich niemanden, ob das Kind zusätzlich „verkleidet“ wird, oder nicht.
    Auch das wäre vielleicht mal eine Diskussion wert…

    1. Hallo Mike ,
      Du fragst zurecht warum denn bei solchen Entgleisung kein Erwachsener einschreitet. Ich halte das bedauerlicherweise für eine recht natürliche Reaktion. Das Schlagwort dass mir dabei sofort in den Sinn kommt ist: „Machtgefälle“.
      Da OBEN steht der Zauberer: Angekündigt, beworben, bezahlt. Vielfach ausgezeichnet. Der wird schon wissen was er tut.

      Da UNTEN steht das ahnungslose Publikum.
      Alle Antennen sind auf Unterhaltung ausgerichtet( nicht auf Kinderschutz) . Und selbst wenn einzelnen Personen das übergriffige Verhalten unangemessen vorkommt, so rollt die Show doch weiter. Damit man in solchen Momenten wirklich einschreitet,darf man nicht perplex und fragend um sich schauen. Der eigene Sitznachbar könnte zur selben Situationen belustigt applaudieren.

      Ich fürchte, dass ein solches Eingreifen daher die Ausnahme bleibt. Im Nachhinein freilich, da sind solche Rückmeldungen an den Zauberer und den Veranstalter absolut zwingend damit dies möglichst nicht wieder vorkommt.
      Mein Fazit : die Veranstalter müssen bei der Auswahl der Künstler den Kinderschutz bereits miteinbeziehen.

      Bernhard Raupach ( Bernhard der Zauberer )

      1. Ich teile Bernhards Meinung und denke zudem, dass die Situation auch zu schnell verläuft. Zunächst denkt man doch „Ich glaube ich sehe nicht richtig…“, und bis man zu Ende gedacht hat, ob man eingreifen soll, ist die Szene auch schon wieder vorbei.
        Es bleibt m.E. tatsächlich nur, das hinterher zu verurteilen.

  3. Da mein Name im Zusammenhang mit diesem Kunststück genannt wird, möchte ich hiermit natürlich auch noch einmal selbst Stellung beziehen.
    Wie ich bereits bei den 10 Fragen an mich schon geschrieben habe glaube ich, dass man nahezu jedes Kinderkunststück auch Kinderfreundlich vorführen kann. Hierzu zähle ich auch „Princess in a pickle“.
    Allerdings würde ich dieses niemals wie sein Erfinder vorführen. Wer meine Vorführung dieses Kunststücks im vergangenen Jahr am Hölzernen See verfolgt haben sollte, kann dies mit Sicherheit bestätigen.
    Ich beschränke mich in meiner Präsentation auf meinen Wortwitz und achte – wie immer – darauf, die Kinder nach Möglichkeit auch nicht zu berühren. Sie sollten am Ende als Helden der Geschichte herausgehen. Bevor ich Kinder – die ich mir ganz genau aussuche – auf die Bühne hole, erkläre ich kurz worum es gleich gehen wird. Ich sage, das es sich bei dem nächsten Kunststück um eine Art „Theaterstück“ handelt und frage wer gerne mitspielen möchte. Wichtig dabei ist allerdings, dass man sich auch gern verkleidet.
    Erst mit einer Einleitung in der kurz den Kindern erklärt wird, was gleich geschehen wird, wird ein Schuh draus.
    Die Art und Weise von Silly Billy geht gar nicht!
    Und da sind wir auch schon bei einem – wie ich finde – nennenswerten Problem in der Zauberkunst: Das Abkupfern.
    Nicht alles was von Erfindern eines Kunststücks oder eines anderen Zauberkünstlers abgekupfert wird dann auch immer gleich gut und richtig.
    Es gibt durchaus Zauberkünstler – ich nenne sie mal Charakterköpfe – in unserer Zunft, die sich mehr heraus nehmen können, als andere Zauberer.
    Hier sehen wir auch, dass nicht jedes Kunststück zu jedem passt, nur weil ihm die Vorführung des anderen gerade persönlich gut gefällt.
    Erst wenn man ein – vielleicht sogar eher schlechtes Kunststück – in seinem eigenen Stil vorführt, wird – eventuell – ein gutes Kunststück draus.
    Zum Thema Respekt und No Goes:
    In meiner Anfangszeit als professioneller Zauberkunst habe ich eine Galavorstellung mit mehreren namenhaften Zauberkünstlern besucht. Einer dieser Zauberkünstler – ich nenne bewußt nicht seinen Namen – hatte mich als „wahrliches“ Opfer herausgesucht. Ohne das ich auf die Bühne kommen sollte, mußte ich am Abend noch einige Male für Sprüche herhalten und wurde regelrecht heruntergeputzt. Immer auf meine Kosten! Keine Entschuldigung, kein Dankeschön!
    Schade, denn ich wollte eigentlich nur einen schönen Abend genießen.
    Nach der Show wurde ich von meinen Freunden und auch einigen anderen Zuschauern gefragt, wie ich das nur ausgehalten habe. Sie wären an meiner Stelle aufgestanden und hätten die Show verlassen.
    Meine Antwort darauf war, dass ich selber Zauberkünstler bin und unbedingt bis zum Schluß mitverfolgen wollte, wie man es besser nicht machen sollte. Trotzdem hatte der Abend für mich einen sehr üblen Nachgeschmack.
    Dabei kam mir die Erkenntnis, dass sich einige Künstler über den korrekten Umgang nur wenig oder auch gar keine Gedanken über den korrekten Umgang machen. Hauptsache, man kann einen Gag landen. Egal auf wessen Kosten. Dies wurde mir in einem späteren Gespräch mit einem Regisseur auch bestätigt, der vor allem in Varietés tätig ist.
    Zum Glück habe ich danach noch zahlreiche, wirklich sehr gute und umgängliche Kolleginnen und Kollegen kennengelernt.
    Auf jeden Fall hat mir dieser Abend am eigenen Körper gelehrt, wie man mit einem Zuschauer – und damit meine ich gerade auch Kinder – umzugehen hat. Der Zuschauer kann grundsätzlich mal den ein oder anderen Spruch ab und kann auch selber drüber herzhaft lachen. Am Ende sollte der Zuschauer aber immer mit gebührenden Respekt und einem Dankeschön verabschiedet werden. Das ist da Mindeste.
    Künstler und Zuschauer sollten sich immer auf Augenhöhe begegnen. Der Zuschauer ist nicht dumm und wir brauchen ihn. Andersherum möchte der Zuschauer eine schöne und unterhaltsame Show erleben.
    Ein Künstler sollte immer den Anspruch hegen, dass jeder Zuschauer die Show mit dem Gefühl „Das war aber schön“ verlässt. Egal ob er direkt beteiligt war oder nicht.
    Getreu dem Spruch „Was Du nichts willst, das füge auch niemand anderen zu“ sollte ein Programm präsentiert werden.

  4. Liebe Kolleg*innen,
    Vielen Dank für diese Diskussion Und die Impulse zu diesem wichtigen Thema . Es veranlasst auch mich selbst dazu,meine Programme kritisch zu überprüfen. Es ist eine unbequeme aber lohnende Auseinandersetzung.

    Viele Grüße ,
    Bernhard Raupach ( Bernhard der Zauberer)

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